Trude Teige – Das Mädchen, das schwieg (Buch)

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Trude Teige - Das Mädchen, das schwieg (Cover © Aufbau Verlag)«Die leblosen Augen starrten zum Fenster hin, der Blick war gefroren in einem Moment, den es nicht mehr gab.»

So wurde die einsame Sissel gefunden. In ihrem Sessel sitzend, schick zurechtgemacht, mit leerem Blick. Die Frau, die irgendwann einfach aufgehört hatte, zu sprechen, wurde ermordet. Eine der ersten am Tatort ist die Journalistin Kajsa, der die seltsamen Umstände des Mordes keine Ruhe lassen. Warum schrieb Sissel alles, was sie sah, in Notizbücher? Und sah sie vielleicht etwas, das sie nicht hätte sehen sollen? Musste sie deshalb sterben? Kajsa begibt sich auf die Suche nach der Wahrheit in einem auf den ersten Blick idyllischen norwegischen Dorf. Doch hinter verschlossenen Türen tun sich Abgründe auf.

Eine norwegische Insel und die typische düstere Atmosphäre skandinavischer Krimis: „Das Mädchen, das schwieg“ ist bereits der zweite Band um die Journalistin Kajsa und ihren Mann Karsten, einen Kriminalbeamten. Auch, wenn man den ersten Teil nicht gelesen hat, kann man der Geschichte sehr gut folgen und erfährt genug über die Hintergründe des Ehepaars, um ihre Situation, ihre Entscheidungen und Beweggründe zu verstehen.

Obwohl die Handlung direkt mit dem Leichenfund beginnt, lesen wir hier einen eher ruhigen Krimi, der sich nur langsam entfaltet. Das liegt nicht zuletzt daran, dass die Ermittlungen – sowohl die der Polizei als auch die Kajsas – überaus logisch verlaufen, Schritt für Schritt und für den Leser absolut nachvollziehbar. Gemeinsam mit Kajsa dringen wir immer tiefer in Sissels Geschichte ein und erfahren dabei extrem unangenehme Einzelheiten. In Rückblenden durchleben wir mit Sissel erschreckende Episoden ihrer von fanatischem Glauben geprägten Kindheit, die der Journalistin verborgen bleiben. Die ruhige Erzählweise lässt den Leser die Geschehnisse ein wenig besser verkraften, da es immer wieder Verschnaufpausen gibt, aber ein unangenehmes Gefühl und Fassungslosigkeit über die Taten unter religiösem Deckmantel bleiben.

Religion ist ein zentrales Thema in „Das Mädchen, das schwieg“. Die Menschen auf der norwegischen Insel sind gläubig, ein wichtiger Ort ist ihr Gebetshaus. Religiöser Wahn und allen voran Missbrauch in religiösen Milieus ziehen sich wie ein düsterer roter Faden durch die Geschichte. Dieses sensible, erschreckende Thema war in den letzten Jahren leider immer wieder präsent – als eine Haupthandlung im Buch ist es nicht weniger verstörend. Mit jedem Kapitel offenbaren sich neue Grausamkeiten, die Sissel als Kind ertragen musste und die der Leser nur schwer verdauen kann.

Doch nicht nur Sissels Vergangenheit und ihr Tod, sondern auch die Entführung des Nachbarmädchens stehen im Vordergrund der Ereignisse. Die Zusammenführung der verschiedenen Handlungsstränge erfolgt in sehr gemäßigtem Tempo, ist aber ebenso schlüssig wie der Rest des Buches. Als Leser ermittelt man mit und versucht die Bausteine zusammenzusetzen, um die Lösung zu finden. Hier und da keimt ein Verdacht auf, wie aber letztlich alles zusammenhängt, bleibt bis zum Schluss unklar.

Der in klarer und schnörkelloser Sprache erzählte Krimi ist durchaus spannend, aber die im Klappentext versprochene Hochspannung will nicht so recht aufkommen. Vielmehr plätschert die Handlung immer wieder dahin, nimmt dann ein wenig Fahrt auf, um danach erneut abzubremsen. Langweilig wird es aber dennoch nicht – der Autorin gelingt es, den Leser trotz der ruhigen Momente zu fesseln.

Fazit: „Das Mädchen, das schwieg“ schwimmt im Krimi-Strom mit, ohne besonders aufzufallen – positiv wie negativ. Die Geschichte ist überzeugend und logisch erzählt, hat deutliche Spannungsmomente und behandelt gleich mehrere schwierige, unangenehme und leider aktuelle Themen. Der Leser bleibt gerne am Ball und rätselt mit, wie die verschiedenen Geschehnisse zusammenhängen. Für schlaflose Nächte und Nervenkitzel reicht die Geschichte um Sissel nicht ganz, aber insgesamt legt Trude Teige hier einen soliden, gut durchdachten Krimi vor.

Cover © Aufbau Verlag

  • Autor: Trude Teige
  • Titel: Das Mädchen, das schwieg
  • Originaltitel: Jenta som sluttet å snakke
  • Übersetzer: Gabriele Haefs, Andreas Brunstermann
  • Verlag: Aufbau Verlag
  • Erschienen: 07/2017
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 364
  • ISBN: 978-3-7466-3291-9
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite 
    Erwerbsmöglichkeiten

Wertung: 10/15 vollgeschriebene Notizbücher

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Über den Autor

Jasmina Driller

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Ich halte es wie Herbert Grönemeyer: Bochum, ich komm‘ aus dir! Tief im Westen, wo die Sonne verstaubt, habe ich nicht nur Germanistik studiert und die Liebe zum Schreiben entdeckt, sondern lebe, lese und lache ich mit Mann, Kind und zwei Katzen. Dabei immer im Ohr: Rock(’n’Roll), von den 50er-Jahren bis heute. Jede freie Minute stecke ich meine Nase in Bücher oder auch in meinen Kindle, meist sogar parallel.
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von Jasmina Driller Artikel-Lesezeit: ca. 3 min
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