Matthias Wittekindt – Schneeschwestern (Buch)

Schneeschwestern
© btb (Originalverlag: Edition Nautilus)

Lesenswerter Debütroman

In der Nacht vom 3. auf den 4. November machen sich fünf Jugendliche nach einem Discobesuch auf den Weg zum Feensee, einem beliebten Ausflugsziel. Allerdings haben die jungen Leute nicht bedacht, dass es mitten in der Nacht rund sechs Grad minus sind und ihre Kleidung nicht ganz passend für die Kälte ist. Auf dem Parkplatz des angrenzenden Waldes angekommen, trifft die drei Jungen und zwei Mädchen zunächst einmal der Sauerstoff mit voller Wucht, welcher in Zusammenhang mit dem vorangegangenen Alkoholkonsum seine verheerende Wirkung entfaltet. Als dann noch Philippe versucht gegenüber Geneviève zudringlich zu werden, rennen die Mädchen verängstigt in den Wald. Philippe rennt ihnen hinterher, während seine beiden Freunde am Auto zurückbleiben.

Kommissar Roland Colbert hat eine kurze Nacht, denn um fünf Uhr wird er aus seinem Bett geklingelt. Im Wald am Feensee steht das sogenannte Hexenhaus und deren Bewohnerin Marie „die Hexe“ Darlan hat die Polizei alarmiert. In Ihrem Garten liegt eine tote Frau, bei der es sich um die sechzehnjährige Geneviève handelt. Stark einsetzender Schneefall behindert die Spurensuche, aber offenbar wurde das Mädchen erschlagen. Wenig später finden die Polizisten die Leiche eines Jungen, ungefähr zwei Kilometer vom ersten Leichenfundort entfernt. Am gleichen Morgen meldet bereits das örtliche Käseblättchen den Mord, ohne sich mit der Polizei abgestimmt zu haben. Zudem wird der vermeintliche Mörder präsentiert; Walter H.

Vom Chefredakteur erfährt Colbert, dass ein anonymer Anrufer den Vorfall gemeldet hat und dies rund eine halbe Stunde vor dem Anruf von Marie Darlan bei der Polizei. Doch woher wusste der Mann so früh von dem Geschehen und vor allem; wer ist Walter H.?

Die Probleme mit den Trieben

Matthias Wittekindt eröffnete mit seinem Debütroman „Schneeschwestern“ die sogenannte Fleurville-Reihe, benannt nach einer fiktiven Kleinstadt an der deutsch-französischen Grenze. Fünf Bände sind bereits erschienen, von denen “Marmormänner” (Band 2) und „Die Tankstelle von Courcelles“ (Band 5 und zugleich ein Prequel zur Serie) mit dem Deutschen Krimipreis ausgezeichnet wurden (3. Platz 2014 und 2. Platz 2019).

Kommissar Roland Colbert, Marie Grenier sowie Ohayon, Conrey und Resnais, die drei Letztgenannten müssen ohne Vornamen auskommen, bilden das Personaltableau der Polizei von Fleurville, wobei Ohayon die Nummer zwei in der Hierarchie darstellt. Nicht ganz unumstritten, denn Ohayon ist klein, dick, wenig ehrgeizig und gilt zudem als denkfaul. Conrey und Resnais würden ihn unter der Hand sogar als dumm bezeichnen, womit sie, wie Colbert einmal richtig anmerkt „falsch liegen“. Schon zwei Mal war er es nämlich, der durch seine besondere Auffassungs- und Kombinationsgabe, die Fälle für Colbert löste. Doch hier drehen sich die Ermittler lange im Kreis. Der Schneefall erreicht schnell zwanzig Zentimeter und verwischt etliche Spuren, dazu gibt es widersprüchliche bis offenkundig falsche Zeugenaussagen. Aber wer sind hier eigentlich die Zeugen? Zunächst einmal müssen die Ermittler von vier Jugendlichen namens Geneviève, Philippe, Thomas und Max ausgehen. Geneviève wurde vermutlich erschlagen, Philippe ist in der Kälte erfroren, Thomas liegt im Krankenhaus im Koma und Max ist angeblich in Deutschland. Von dem zweiten Mädchen erfahren die Polizisten erst später.

Zu dem Zeitpunkt wissen die Leser schon Bescheid, dass die Ankündigung auf dem Buchrücken, wonach ein Triebtäter nach vierjähriger Pause zurückkehrt, zur Gewissheit wurde. Für Colbert und sein Team handelt es sich dabei um den bereits erwähnten Walter H., der vor vier Jahren in Saarbrücken beschuldigt wurde, sich an einem sechsjährigen Mädchen vergangen zu haben. Da die dortige Polizei zur gleichen Zeit im Fall einer Vergewaltigung einer sechzehnjährigen ermittelte, geriet dessen Namen ins Visier der Ermittler und – noch schlimmer – in die Medien. Zwar wurde er freigesprochen, aber die „Flucht ins Ausland“ schien ihm der einzige Weg, um endlich Ruhe zu finden. Geschichte wiederholt sich, sagt man. Mag sein oder nicht, man will ja nicht spoilern, obwohl es Autor Matthias Wittekindt selber früh vorwegnimmt. Bis zum Finale gibt es gleichwohl zahlreiche Überraschungen, die für Spannung sorgen, denn man leidet ja mit den Ermittlern mit. Diese irren herum, sind zunehmend gefangen in ihren eigenen oft unausgegorenen Gedankengängen. Viele Spuren, offenbar falsche Zeugenaussagen und Überlegungen verfangen sich im Ungefähren. Man könnte auch sagen: Cliffhanger, mal anders.

Die Handlung wird überwiegend aus Sicht der Polizei geschildert, deren Privatleben, so denn überhaupt vorhanden, wenig Beachtung findet. Mit Ausnahme von Colbert und da ist es denn schon zu viel, zumal die Gespräche zwischen Tochter Sina und der Stiefmutter in spe über geplante Friseurbesuche und einen Barcelona-Urlaub nur „selten“ Bezug zum eigentlich Fall haben; woher auch?

Alles in allem ein eher ungewöhnlich und daher interessant konstruierter Plot und somit ein solides Debüt. Obwohl die Leser früh den Täter kennen, fiebert man mit und erfährt so einiges, was in dessen kruden Gehirngängen abläuft. 

  • Autor: Matthias Wittekindt
  • Titel: Schneeschwestern
  • Verlag: btb (Originalverlag: Edition Nautilus)
  • Umfang: 384 Seiten
  • Einband: Taschenbuch
  • Erschienen: September 2013
  • ISBN: 978-3-442-74539-5
  • Produktseite


Wertung: 11/15 dpt

 


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