
Ning ist ehemalige Boxerin und nun Inhaberin eines Nagelstudios. Ihr Regiment, das sie dort führt, ist streng: Alle Mitarbeiterinnen haben dieselbe Haarlänge, tragen schwarze Kleidung und heißen „Susan“ – das macht es für die Kundschaft einfacher, die die laotischen Angestellten sowieso nicht auseinanderhalten könnten, findet Ning. Während die Kundinnen für die Maniküre und Pediküre im Salon sitzen und aus ihrer Lebensgeschichte plaudern, spricht das Personal auf laotisch über sie. Lästert über das Verhalten der Kundinnen oder diskutiert über ihre Geschichten. Nicht sehr sympathisch auf den ersten Blick, aber dafür sehr teilweise erheiternd und zeitgleich erhellend, denn die Lesenden von „Frag nach Susan“ erhalten dabei ungefiltert einen Eindruck, wie sich die Angestellten mit migrantischem Hintergrund in der Gesellschaft gesehen – oder auch nicht gesehen – fühlen. Und was dabei noch geschieht? Das Machtverhältnis dreht sich um 180 Grad:
Die Autorin Souvankham Thammavongsa schafft es auf ganz vielen Ebenen, dass das Nagelstudio ein Mikrokosmos für die Gesellschaft wird. Dabei gelingt es ihr, immer beide Seiten der Gesellschaft zu sehen. Dass Ning aus allen ihren Mädchen eine „Susan“ macht, verdeutlicht, wie wenig individuell die asiatischen Frauen in der Gesellschaft wahrgenommen werden. Andererseits ist Ning selbst nicht in der Lage, eine Gruppe Kundinnen, die als Junggesellinnenabschied zur gemeinsamen Maniküre kommen, auseinanderzuhalten, weil für sie alle gleich aussehen. Ihre eigene Geschichte erzählt sie kaum, gegenüber den Kunden bleibt sie die perfekte Dienstleisterin, die sich für deren Leben interessiert.
Ein Vergleich mit Katja Oskamps „Marzahn, mon amour. Geschichten einer Fußpflegerin“, die 2019 über die Arbeit in einem kleinen Salon in Berlin-Marzahn schrieb, liegt nahe. Beide Romane nutzen die kleine Blase eines Salons, in dem sich Mitarbeitende und Kundinnen für einige Momente sehr nahekommen, sehr geschickt als Abbild der Gesellschaft. In Souvankham Thammavongsas Roman ist die Kundschaft aber mehr (unterhaltsames) Beiwerk und vielmehr Anlass, um die Welt von Ning und ihren Mädchen an einem einzigen Tag an einem Ort zu beleuchten.
Ning ist dabei das Zentrum, um das sich alles dreht. Sie erzählt die Geschichte und so kühl und ruppig sie zu Beginn wirken mag: Im Verlauf des Tages sieht man immer mehr, dass hier das Prinzip der harten Schale und des weichen Kerns gilt. Ihre Mädchen dürfen natürlich ihr Trinkgeld komplett selbst behalten, in der Schublade hebt sie die krakeligen Zeichnungen auf, die die Kinder einer Angestellten gemalt haben, und eben diese Angestellte hat einen größeren Vorschuss von Ning bekommen, als sie in Geldnöten war.
Fazit:
Auch wenn „Frag nach Susan“ nur gut 200 Seiten hat, gelingt es Souvankham Thammavongsa nicht nur ein psychologisch feines Porträt der Erzählerin Ning mit allen Ecken und Kanten zu entwerfen, sondern auch durch deren Perspektive die Kundschaft und somit die Gesellschaft zu analysieren. Das geschieht in der durchaus sarkastischen und unverblümten Sprache von Protagonistin Ning und trifft dabei oftmals exakt den Punkt.
- Autorin: Souvankham Tahmmavongsa
- Titel: Frag nach Susan
- Originaltitel: Pick a Colour
- Übersetzerin: Sophie Zeitz
- Verlag: Aufbau
- Erschienen: 08/2026
- Einband: Hardcover
- Seiten: 207
- ISBN: 978-3-351-03939-4
- Souvankham Thammavongsa im Gespräch zu „Frag nach Susan“ beim Aufbau Verlag

Wertung: 13/15 dpt







