Practice – Die Anwälte Vol. 1 (Serie, 3DVD)

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Practice - Die Anwälte Vol. 1 DVD Cover © STUDIOCANALBeworben wird die von David E. Kelley (“Harry’s Law”, “Ally McBeal”, “Chicago Hope”, “Picket Fences”…) erschaffene US-amerikanische Serie, die von 1997 bis 2004 produziert wurde, als Vorgänger der ebenfalls aus Kelleys Feder stammenden Anwaltsserie “Boston Legal”, und im Grunde kann man dies auch so stehen lassen, denn in der achten und letzten Staffel wurden Charaktere wie etwa James Spader als Alan Shore, William Shatner als Denny Crane und Rhona Mitra als Tara Wilson eingeführt, die in letztgenannter Serie dann Rollen im Hauptcast übernahmen.

Doch alles hatte irgendwann auch seinen Anfang. Lange vor der doch eher modernen und stilvollen Kanzlei Crane, Poole & Schmidt existierte Ende der Neunziger die Kanzlei Donnell & Partner, die mit finanziell noch deutlich kleineren Brötchen backen und sich noch in um einiges schlichteren Räumlichkeiten breit machen musste. Bei der Wahl ihrer Klienten durften die jungen Strafverteidiger nicht besonders wählerisch sein, und so ergab es sich häufig, dass Robert Donnell (Dylan McDermott, “Dark Blue”, “American Horror Story”) und seine Kollegin Fälle übernehmen mussten, die aussichtsloser kaum sein konnten – von dem Kontroversenpotenzial ganz zu schweigen.

Doch zusammen mit Ellenor Frutt (Camryn Manheim), Lindsay Dole (Kelli Williams), Rebecca Washington (Lisa Gay Hamilton), James Berluti (Michael Badaluccio), und Eugene Young (Steve Harris) stellten sich die Anwälte den Herausforderungen und kämpften bis zum abschließenden Plädoyer für die Unschuld ihrer Klienten – die Begründungen, mit denen sie die Klienten von Strafminderung bis hin zum Freispruch herauszuboxen versuchten, erschienen hierbei oftmals absurd, aber letzten Endes durchdacht. Doch auch die Gegenseite war mit allen Wassern der Justiz gewaschen und wusste in den Gerichtsverhandlungen scharf gegenzusteuern, so zum Beispiel Helen Gamble (Lara Flynn Boyle, “Men In Black II”, “Twin Peaks”).

Das konnte zuweilen kompliziert werden, da nicht nur intern oftmals die Fetzen flogen, sondern auch, weil sich beispielsweise zwischen Donnell und Gamble nicht nur im beruflichen Sinne Turbulentes ereignete, sondern auch privat, denn die beiden fühlten sich ganz im Gegensatz zu den klaren Fronten im Gerichtssaal doch sehr zueinander hingezogen. Auch die anderen Anwälte hatten mit ihren ganz eigenen persönlichen Dingen zu kämpfen.

“Practice – Die Anwälte” war seiner Zeit ein ganzes Stück voraus, denn die Serie brach zahlreiche Tabus und stellte Fragen hinsichtlich Moral – und nicht selten wurde auch das System USA in vielerlei Form kritisiert. Auch wurden Dinge, ja gar Taten, aus ganz anderen Blickwinkeln beleuchtet, nicht etwa nur, wie es von außen wirkt – Meinungsmainstream-Zuschauer waren hier fehl am Platz. Was die Serie zudem auch heute noch recht effektiv demonstriert, ist, wie zwiespältig der Beruf als Anwalt oftmals doch sein kann, denn trotz des Gewahrseins, dass der Klient eigentlich schlichtweg hinter Gitter gehört und er die Verteidigung nicht wert ist, ist das Anwaltsein letztendlich ein Job. Ein Job, den es gut auszuüben gilt, und das bedeutet im Klartext: Die Geschworenen davon zu überzeugen, dass der vertretene Klient unschuldig ist – egal, wie. Einzige Voraussetzung: Es ist rechtlich begründbar.

Es mag zwar ein wenig einfallslos wirken, hier Wikipedia zu zitieren, doch folgender Absatz fasst es schlichtweg perfekt zusammen: »Die Grenzen zwischen Opfern und Tätern, Recht und Gerechtigkeit, Mitgefühl und Abscheu, Macht und Machtlosigkeit von und vor Gesetzen, der Spagat zwischen Verantwortung für den Mandanten und dem eigenen Gewissen, juristischer und menschlicher Moral, verläuft in ‘Practice’ fließend, realistisch – und, für amerikanische Serien, fast schon brutal ehrlich.« (Quelle)

In den 90ern war es noch eher ungewöhnlich, dass Serien komplex gestrickt waren, und diesbezüglich war “Practice” ebenfalls einer der wenigen Vorreiter des Mehrgleisigen: Pro Episode wurde nicht etwa ein einziger Fall bearbeitet, der zum Episodenende abgeschlossen war, sondern in der Regel mindestens zwei parallel – und einige dieser Fälle erstreckten sich gerne auch mal über zwei oder mehr Episoden, sodass man als Zuschauer fast immer mit kleinen Cliffhangern rechnen muss, sodass zumindest das kurze Reinschauen in die nächste Folge Pflicht ist.

Wer “Practice” vor “Boston Legal” noch nicht gesehen hat, könnte möglicherweise mit falschen Erwartungen an diese Serie herangehen, denn während die Nachfolgerserie trotz nach wie vor vorhandener systemkritischer und moralhinterfragender Elemente deutlich vernehmbar über einen ungleich höheren Comedy-Anteil verfügt und die Freak- und Skurrilitätsschrauben um einiges angezogen wurden, war “Practice”, wenngleich es selbstverständlich komische Momente gab, um einiges ernster, lauter und emotionaler – vor allem aber auch um einiges menschlicher.

Beim Ansehen der Serie ist es recht amüsant, wie  Schauspieler wie Kelli Williams (“Medical Detectives”, “Lie To Me”), Linda Hunt (als Henrietta Lange in “Navy CIS:LA”), Camryn Manheim (“Ghost Whisperer”, “Criminal Minds”), John Carroll Lynch (“Body Of Proof”, “The Finder”) vor siebzehn Jahren aussahen und wie viele vielgesehene Seriendarsteller bereits damals ihre zuweilen regelmäßigen Auftritte hatten.

Da es sich um älteres Material handelt, kommt “Practice” logischerweise noch im 4:3-Format – was nicht weiter tragisch ist, doch die Bildqualität ist stellenweise anstrengend niedrig, und häufig muss man hier das Gefühl haben, als handele es sich bei vereinzelten Episoden um mehr oder minder “gerettete” und flugs digitalisierte. Oftmals ist das Bild grobkörnig, pixelig und wirkt so, als habe sich der Flachbildschirm in einen Röhrenfernseher verwandelt. Welcome back, Lochmaske! Doch abgesehen von diesem technischen Manko darf “Practice” als ein kleines Meisterstück der spätneunziger Serienlandschaft angesehen werden.

Cover & Szenenfotos © STUDIOCANAL

 

  • Titel:
    Practice – Die Anwälte
    (im TV auch: Einspruch! Kanzlei Donnell & Partner)
  • Originaltitel: The Practice
  • Staffel:
    Alle 6 Episoden der ersten Staffel
    und 4 Episoden der zweiten Staffel
  • Produktionsland und -jahr: USA, 1997
  • Genre:
    Anwaltsserie, Drama, Comedy
  • Erschienen: 28.01.2014
  • Label: STUDIOCANAL
  • Spielzeit:
    430 Minuten auf 3 DVDs
  • Darsteller:
    Dylan McDermott
    Lara Flynn Boyle
    Steve Harris
    Michael Baualucco
    Lisa Gay Hamilton
    Camryn Manheim
    Kelli Williams
    Linda Hunt
    und viele, viele mehr
  • Idee: David E. Kelley
  • Extras:
    Featurette: Setting Up The Practice
    Wendecover
  • Technische Details (DVD)
    Bild: 1,33:1 (4:3 Vollbild)
    Sprachen/Ton: Deutsch, Englisch (Stereo DD)
    FSK: 12
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite bei STUDIOCANAL

Wertung: 11/15 dpt


Über den Autor

Chris Popp


Chris’ Nerd-Schreibtisch

1974 in Mannheim geboren, in Heidelberg aufgewachsen, lebt nach 16 Jahren in der nordhessischen Provinz vor Kassel seit 2017 in Berlin. Seine Frau hält es seit 2001 mit ihm aus. Booknerd, Hörbuchnerd, Computernerd, Filmnerd, Seriennerd, Kaffeenerd, Foodnerd, Königsbergerklopsenerd. Meidet belanglosen Smalltalk und schätzt tiefgründige Gespräche. Nachteule. Freundlicher Teilzeitselektivmisanthrop.
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von Chris Popp Artikel-Lesezeit: ca. 4 min
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