Danny Wallace – Der unglaubliche Sommer des Tom Ditto (Buch)

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Der Job des Londoners Danny Wallace - Der unglaubliche Sommer des Tom Ditto (Cover © Heyne Verlag)Tom Adoyo, Frühmorgen-Radiomoderator, könnte aufregender und vor allem alltagsfreundlicher sein. Doch immerhin sorgt er für ein paar Kröten auf dem Bankkonto. Alles ist schon irgendwie okay, wie es nun mal ist. Teils nette, teils unendlich nervige Kollegen. Er macht sein Ding. Etwas Blabla für die Frühaufsteher bei ihrer ersten Tasse Tee oder Kaffee. Die Ergänzung zum Müsli- und Brot-Soundtrack der sich auf die Arbeit vorbereitenden Londoner. Musik, News, Musik, Wetter und wieder Musik.

Doch ab dem 12. Juni, mit welchem das Buch beginnt, ist alles anders. Denn als Tom eines Tages von der Arbeit nach Hause kommt, versteht er erst mal gar nichts mehr. Er findet lediglich einen Zettel:

Tom,

ich habe dich nicht verlassen. Aber ich bin weg.
Mach bitte weiter wie immer.

In Liebe,
Hayley

(Seite 9)

Sie ist verschwunden, weg, irgendwohin. Anzeichen, dass sie das Weite suchen würde, haben sich ihm nie offenbart. Alles schien in Ordnung zu sein. Denn ansonsten hätten sich beide sicherlich wie erwachsene Menschen verhalten, sich zusammengerissen und ein wichtiges Gespräch geführt. Über das Wie und das Ob in der Zukunft gesprochen. Doch das hier übersteigt sein Verständnis und birgt kein Milligramm Logik in sich. Denn ein Grund mag sich Tom nicht erschließen. Streit? Gab es nie ernsthaft. Auch von einer Krise keine Spur. Was zum Henker soll das nun also?

Für ihn führt kein Weg daran vorbei: Er muss Hayley finden. Ursachenforschung betreiben. Sich umhören. Schlau aus dem Ergebnis der vergangenen Zeit werden. Während er sich auf die Suche nach Hayley macht, trifft er auf eine sonderbare Selbstfindungsgruppe namens ‚CC‘. Diese ist keinesfalls eine Art Stuhlkreis, sondern geht bei der Suche nach dem Ich äußerst ungewöhnlich vor. Von da an überschlagen sich in Toms Leben die Ereignisse, sein Leben wird komplett umgestülpt, sowohl beruflich als auch sozial. Und auch wenn es mehr oder minder Zufall war, stellt sich für ihn irgendwann die Frage: Wer ist er eigentlich selbst?

Unterbrochen wird die Story immer wieder durch ein außerhalb der Geschichte angesiedeltes Zwiegespräch eines Mannes mit einem gewissen Ezra Cockroft, Autor des Buches „Carbon Copy“, und recht früh wird klar, dass das Interview, vor allem aber das Buch eine nicht unbedeutende Rolle spielen. Liest sich wie ein Spoiler, ist jedoch keiner.

Doch auch sonst ist der 448-Seiter eher ungewöhnlich. Denn gerade die Komponente mit der Suche und der Selbstfindung mutet an sich elendiglich abgedroschen an, weil man sie in vielerlei Form bereits lesen und/oder in cineastischem Gewand sehen durfte, doch „Der unglaubliche Sommer des Tom Ditto“ besticht durch Originalität und Ehrlichkeit – spätestens als die irgendwie durchgeknallte, schwer durchschaubare, Pandamütze tragende Pia auf Schirm auftaucht, wird es sonderbar, schräg, aufregend.

Die Art und Weise, wie Danny Wallace in seinem zweiten Roman („Auf den ersten Blick“ war der erste, und eines seiner Sachbücher, „Der Ja-Sager“, dürfte man in Filmform mit Jim Carey kennen) seinen Protagonisten zeichnet, ist angenehm ungeschönt, angenehm vielseitig – man ist als Leser direkt in Tom Adoyos Kopf, durchlebt das Wechselbad der Emotionen. Und trotz der einfachen Sprache, die dem Roman innewohnt, trotz der flüssigen Lesbarkeit des Stoffes, trotz keinerlei Verschachtelungen und literarischer Kabinettstückchen ist „Der unglaubliche Sommer des Tom Ditto“ unerwartet anspruchsvoll. Immer wieder blitzen philosophische Lichtblicke hervor, immer wieder tanzen Wut, Enttäuschung, Unsicherheit, Situationskomik und Hoffnung einen wilden Tanz, bei dem sich sämtliche Elemente gegenseitig über die Füße stolpern. Und diese Friktion, die dabei entsteht, sprüht Funken.

Man erwischt sich dabei, wie man mit Tom mitfiebert und mithofft, ihn als Kumpel einerseits gerne drücken möchte, ihm manchmal aber gerne auch mal eine Schelle auf den Hinterkopf geben würde. Ein Gefühl des Unbehagens macht sich breit, dann wieder glaubt man, hey, nun geht es endlich in eine neue Richtung für Tom. Doch ein innerer Zwiespalt macht sich breit, denn man selbst weiß nie so genau, ob Tom nun wirklich ausschließlich das Opfer ist oder ob in ihm nicht auch ein Idioten-Ich steckt.

Auch die zahlreichen Nebengeschichten (beispielsweise das ‚Marmeladennazi-Gate‘, unerwartete Interviews, der Kontakt mit Kollegen und mit Personen, denen Tom auf seiner Suche begegnet) würzen den Roman ungemein und reißen ob ihrer Turbulenz mit. Das Lesen wird fürwahr zum Genuss, und hier wünscht man sich gar, dass das Buch irgendwann auch mal verfilmt würde – in der Hoffnung, dass die Tragik, die Komik, aber auch der Anspruch adäquat in eine audiovisuelle Vorlage transskribiert und dementsprechend schauspielerisch umgesetzt wird.

„Der unglaubliche Sommer des Tom Ditto“ vereint vielschichtig cleveres Storywriting mit Unterhaltung und Drama, verquickt „mitten aus dem Leben“ mit „total abgedreht“, wirbelt Comedy, Romanze und verspätetes „coming of age“ wild durcheinander und beweist, dass in der zeitgenössischen, ja modernen Literatur noch vieles möglich ist. Mut ist das Zauberwort.

Cover & Zitat © Heyne Verlag

  • Autor: Danny Wallace
  • Titel: Der unglaubliche Sommer des Tom Ditto
  • Originaltitel: Who is Tom Ditto?
  • Übersetzer: Jörn Ingwersen
  • Verlag: Heyne
  • Erschienen: 09/2014
  • Einband: Paperback
  • Seiten: 448
  • ISBN: 978-3-453-26951-4
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite
    Erwerbsmöglichkeiten

Wertung: 13/15 dpt


Über den Autor

Chris Popp


Chris‘ Nerd-Schreibtisch

1974 in Mannheim geboren, in Heidelberg aufgewachsen, lebt nach 16 Jahren in der nordhessischen Provinz vor Kassel seit 2017 in Berlin. Seine Frau hält es seit 2001 mit ihm aus. Booknerd, Hörbuchnerd, Computernerd, Filmnerd, Seriennerd, Kaffeenerd, Foodnerd, Königsbergerklopsenerd. Meidet belanglosen Smalltalk und schätzt tiefgründige Gespräche. Nachteule. Freundlicher Teilzeitselektivmisanthrop.
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von Chris Popp Artikel-Lesezeit: ca. 3 min
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