Tony Iommi – Iron Man: My Journey Through Heaven And Hell With Black Sabbath (Buch)

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Tony Iommi - Iron Man Cover © DaCapo PressDiesen Januar gaben Black Sabbath ihr wohl letztes Deutschlandkonzert in Köln. Danach wird die Band in der jetzigen Besetzung mit Ozzy Osbourne, Tony Iommi, und Geezer Butler in die ewigen Jagdgründe verbannt. Zumindest, wenn es nach Ozzys Frau und Managerin Sharon geht. Ozzy hat schließlich auch noch eine Solokarriere, und der Ausflug in seine alte Band war nun doch lang genug. Dass Sharon aber bei Black Sabbath nicht das endgültige Sagen hat, dürfte jedem, der sich ein wenig mit der Geschichte jener Heavy-Metal-Pioniere auseinandergesetzt hat, bekannt sein. Nein, Black Sabbath, das ist und bleibt Gitarrist (und nebenbei Genre-Begründer) Tony Iommi. Er überlegt durchaus, weiterhin Musik zu machen. Und dass er dafür Ozzy nicht braucht, hat er auch schon oft genug bewiesen. Den ewigen Tourneen wird er jedoch wahrscheinlich wirklich abschwören: Iommi leidet seit einigen Jahren an Krebs. Das ist der Ausgangspunkt für die (in englischer Originalsprache) vorliegende Biografie „Iron Man – My Journey Through Heaven and Hell With Black Sabbath“, erstmals erschienen im Jahre 2011, in unserem Fall mit zwei neuen Kapiteln von 2012.

Zusammen mit T.J. Lammers erzählt uns Iommi hier mit teils brutaler Ehrlichkeit den Verlauf seines bisherigen Lebens. Geboren 1948 in Birmingham als Enkel italienischer Einwanderer, bis zur Krebsdiagnose und der erneuten Reunion von Black Sabbath mit Ozzy Osbourne als Frontmann 2012. Ganz zu Anfang gibt es aber noch als Einleitung einen Ausflug in die 1960er-Jahre: Es soll sein letzter Arbeitstag in der Metallverarbeitungs-Firma sein, am nächsten Tag will er mit seiner damaligen Band auf Tour gehen. Nach der Mittagspause, nach der er nur auf Anraten seiner Mutter hin noch einmal in die Fabrik geht, um seine Schicht zu beenden, kommt es zu jenem folgenschweren Arbeitsunfall, bei dem Iommi zwei seiner Fingerkuppen verliert. Was für viele Gitarristen das Ende bedeutet, läutet in diesem Fall die Geburt eines neuen Genres ein. Iommi besorgt sich Aufsätze für die Finger, stimmt die Saiten seiner Gitarre runter, und spielt trotzdem. Der neue Sound prägt die Rockmusik – das Genre des „Heavy Metal“ wird geboren, Iommis Spielweise wird zum Standard dort. Und das alles wegen eines Unfalls in einer Metallfabrik.

Danach geht es von seiner Geburt aus chronologisch weiter. Iommi schreibt simpel, oft mit einem Schmunzeln, manchmal mit offen eingestandener Scham, den man im Rückblick bekommen kann. Das Buch ist unterteilt in insgesamt 92 Kapitel, die alle kurz und knackig daherkommen und passende, humorvolle Titel haben. Es bleibt detailliert, aber nie langweilig oder zäh. Dazu muss man aber auch sagen, dass Iommis Leben einfach zu abwechslungsreich und spannend verlaufen ist, um Langeweile beim Lesen aufkommen zu lassen. Die nicht immer leichte Kindheit und Jugend im tristen Birmingham in Post-Weltkrieg-Stimmung wird sehr lebendig und offen geschildert. Hier muss man ein Kämpfer sein, um sich zu behaupten. Wenn man dann plötzlich ab einem bestimmten Alter anfängt, sich die Haare und den Bart wachsen zu lassen, in Schwarz herumzulaufen und statt Akkordeon Gitarre zu spielen, ist man gesellschaftlich sowieso unten durch. Da sucht man sich Gleichgesinnte. Die findet Iommi in Bassist Geezer Butler, Schlagzeuger Bill Ward und Sänger Ozzy Osbourne. Sie alle kennt er aus Schulzeiten, Ozzy war ein merkwürdiger Kauz, mit dem der toughe, coole Iommi erst einmal nichts zu tun haben wollte. Trotzdem wird er als Sänger in die neue Band „Earth“ aufgenommen. Dann bekommt Iommi die Gelegenheit, bei Jethro Tull einzusteigen. Das Kapitel über seinen kurzen Ausflug ist äußerst interessant in der Beschreibung von Ian Andersons Arbeitsweise. Das Intermezzo bleibt kurz, Iommi kehrt zurück zu seinen Jungs. Die Band benennt sich um, und „Black Sabbath“ sind geboren. Der düstere Sound Iommis und Butlers, Bill Wards jazziges Schlagzeugspiel, Geezer Butlers satanisch und okkult angehauchte Texte, und Ozzys wehklagende Stimme ergeben etwas Einmaliges. Das sieht auch der Rest der Welt relativ schnell so. Iommi beschreibt den Werdegang von kleinen Clubauftritten, Albumaufnahmen, Drogen- und Toureskapaden mit einem Tempo, das wohl dem gleich kommt, wie die Jungs in den 1970ern gearbeitet und all das erlebt haben. Man muss sich nur vorstellen, wie das für die vier Jungs aus der Arbeiterklasse gewesen sein muss: Plötzlich standen ihnen die ganze Welt, schnelle Autos, hübsche Frauen, und jegliche weitere Vergnügungen offen. Da gibt es viele kleine Geschichten, seien es die Anfeindungen christlicher Gruppen, obwohl das Satanistische nur ein Image der Gruppe war und kein überzeugter gelebter Glaube, oder die Streiche, die sich die Bandmitglieder gegenseitig spielten und die teilweise wirklich brutal enden konnten. So leidet vor allem Bill Ward immer wieder darunter, dass seine Kollegen ihn im vollkommen betrunkenen desolaten Zustand mal an Raststätten an Laternenpfosten angekettet zurücklassen oder ihn mit Goldfarbe einsprühen, wovon er fast stirbt. Das alles erzählt Iommi nicht ohne nachträgliche kritische Betrachtung. Der Erfolg ihres zweiten Albums „Paranoid“ und des gleichnamigen Songs überraschen ihn bis heute, und das Lied „Iron Man“ davon ist nicht umsonst als Titel der Biografie gewählt. Was Iommi während seines Lebens alles erlebt und schildert, würden sicherlich nicht alle so verkraften wie er.

Überhaupt: Drogen und Alkohol waren ständige Begleiter der Band. Manche, wie Ozzy oder auch Bill Ward, kamen damit weniger zurecht, und mussten immer mal wieder in Entzugskuren. Iommi selbst hatte sich dem Kokain verschrieben, und gibt zu, dass er bis vor Kurzem noch immer gerne mal eine Nase gezogen hat. Erst seine dritte Ehefrau Maria, die er 2005 heiratete, konnte ihn ein wenig davon abbringen. Ja, auch das Private kommt hier nicht zu kurz. Und zum Kokain: In den 1970ern wurde es der Band teilweise in Umzugskartons ins Studio geliefert.

Der rasante Aufstieg der Band endet kurzzeitig, als Ozzy nach dem durchschnittlichen Album „Never Say Die“ 1978 aufgrund der Drogeneskapaden die Band verlassen muss. Black Sabbath holt sich Ex-Rainbow-Sänger Ronnie James Dio ins Boot, und legt mit „Heaven And Hell“ (1980) und „The Mob Rules“ (1981) zwei absolute Meilensteine in ihrer Bandgeschichte hin. Dios Einfluss frischt die Band auf. Die Zusammenarbeit zwischen Iommi und ihm ist aufgrund der Dickköpfigkeit beider wie beschreiben nicht immer ganz einfach, aber beide wissen auch, dass sie gemeinsam am kreativsten sind und etwas schaffen können, das sie in ihren einzelnen Karrieren nicht hinbekommen. In der Zwischenzeit hat Bill Ward die Band ebenfalls mehrfach verlassen und ist wieder eingestiegen, und auch Dio und Iommi verkrachen sich heftig. Ab da an rotiert das Besetzungskarussell der Band stetig. Bis auf Iommi selbst und in manchen Phasen Geezer Butler, geben sich verschiedenste Musiker hier die Klinke in die Hand, und es werden mal bessere, mal schlechtere Alben produziert. Mit konstantem Sänger Nummer drei, Tony Martin, entstehen Ende der Achtziger z.B. „Headless Cross“ und „Tyr“. Die Alben werden von Fans und Kritikern geschätzt, der ganz große Wurf und Anschluss an die alten Zeiten bleibt jedoch aus. Auch als Dio für „Dehumanzier“ 1992 zurückkehrt, gibt es ein eher sperriges Album, das nicht an ihre Werke zehn Jahre zuvor anknüpfen kann. Trotz erneuter Streitereien und Dios wiederholtem Ausstieg, gründen Iommi, Butler, Dio und Drummer Vinny Appice 2007 die Band „Heaven And Hell„, die nur Stücke aus der gemeinsamen Zeit spielt, und ein neues Album aufnimmt. Das Album von 2009 sollte Dios letzte Studioaufnahme sein: Er verstirbt 2010 an Krebs, worauf Iommi ebenfalls besonders detailliert eingeht. Hier wird einiges deutlich, was vielleicht auch als typisch britisch bezeichnet werden kann: Iommi war zumindest früher sehr cool, und man redete mit seinen Kollegen nicht über bestimmte Dinge. So blieb vieles unausgesprochen und viele Konflikte wurden nie geklärt und gelöst. Das zieht sich wie ein roter Faden durch seine gesamte Biografie.
Ansonsten wird auch einiges über Musikerkollegen anderer bekannter Bands und deren Ausschweifungen berichtet, und in manchen Passagen gibt sich Iommi auch offen für Esoterik und Übernatürliches. So berichtet er von einem Autounfall in den 60ern Jahren, der ihn hätte töten sollen. Doch auch das wird nicht ohne Augenzwinkern beschrieben: So sagt er selbst, die Engel hätten ihn gerettet, damit er die Musik des Teufels erfinden konnte.
Das Buch endet mit Iommis Krebsdiagnose, auf die er sehr emotional eingeht, und der erneuten Reunion mit Ozzy Osbourne und Geezer Butler. Seit den frühen 90ern hatte man sich immer mal wieder angenähert, und ab und an Konzerte gespielt, und nun entschloss man sich, ein neues Album aufzunehmen. Das Album kommt in der Biografie nicht mehr vor, es ist 2013 als „13“ erschienen. Leider ohne Bill Ward am Schlagzeug, und auch hier kommt wieder die nicht vorhandene Kommunikation durch. Ward und der Rest der Band befinden sich aufgrund von vertraglicher Differenzen, die während der Entstehung des Albums begannen, in sehr gespanntem Verhältnis, was der ganzen erneuten Reunion einen sehr bitteren Beigeschmack verleiht.

Zurück zum Buch: Für jeden Rockfan ein unverzichtbares Werk, das durch seine schonungslose Offenheit besticht. Hier wird nichts beschönigt oder unter den Teppich gekehrt. Iommi mag eine lebende Legende sein, aber er ist auch sympathisch und gibt seine Macken und Fehler offen zu. Vielleicht gibt es auch in Zukunft eine weitere aktualisierte Ausgabe, erzählen hat Iommi sicher noch einiges. Und hoffentlich auch noch lange.

P.S.: Das Lieblingskapitel des Rezensenten: Nummer 59 „The mysterious case of the lofty lodgers“!

Cover@Da Capo (Cover Design: Jonathan Sainsbury)

Wertung: 15/15 dpt

 


Über den Autor

Philipp Roettgers


„I was born in ’89, the year of “ … but seriously … „three days before the Wall came down …“ Seit einigen Jahren lebe ich in Bonn und studiere dort „English Literatures and Cultures“. Ich spiele Schlagzeug, und schreibe für die Musikmagazine Intro, Betreutes Proggen und The Dutch Progressive Rock Page. Im Sommer bin ich auf Festivals unterwegs und helfe dort teilweise aus, unter anderem auf dem Burg Herzberg Festival. Meine Heroen: Hermann Hesse, Hunter S. Thompson, Der Dude („The Big Lebowski“), Steve Hogarth, Genesis, David Eddings, The Beatles, Dennis Hopper, Bela B. und Monty Python.
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von Philipp Roettgers Artikel-Lesezeit: ca. 6 min
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