Marcel Proust – Der geheimnisvolle Briefschreiber: Frühe Erzählungen (Buch)

Cover © Suhrkamp Verlag

Am 10. Juli dieses Jahres wäre der französische Schriftsteller Marcel Proust 150 Jahre alt geworden. Zu diesem Anlass sorgte der Suhrkamp Verlag für eine kleine Sensation unter Fans dieses bemerkenswerten Autors: Die Veröffentlichung von „Der geheimnisvolle Briefschreiber“ versprach Leserinnen und Lesern den Genuss bisher unveröffentlichter Texte. Zieht man alle editorischen Anmerkungen ab, handelt sich hierbei um neun kurze, meist fragmentarische Erzählungen auf insgesamt 42 Seiten, herausgegeben von Luc Fraisse und übersetzt von Bernd Schwibs. Es folgen mehrere farbige Abbildungen des Originalmanuskripts sowie handschriftlicher Notizen des Autors. Äußerst umfangreich sind die Begleittexte: Editorische Notizen, Einführungen und Fußnoten mit Textvarianten. Der letzte Teil des prachtvoll gestalteten Hardcovers liefert zusätzlich neue Informationen zu den Quellen von Prousts Meisterwerk „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“.

Hintergrund

Laut Einführung stammen die bisher unveröffentlichten Texte aus dem Archiv des 2018 verstorbenen Verlegers Bernard de Fallois. Dieser erhielt die Manuskripte in den 1950er Jahren von Angehörigen des Schriftstellers zu wissenschaftlichen Zwecken: Der junge Forscher plante eine Doktorarbeit zu verfassen mit dem Thema „Die schöpferische Entwicklung Prousts bis zur Recherche“, also seinem siebenbändigen Mammutwerk, das in den Jahren von 1913 bis 1922 veröffentlicht wurde. Zur Vollendung der Dissertation kam es nie, Teile davon wurden jedoch als eigenständige Essays veröffentlicht.

Inhalt

Der rote Faden, durch den alle Texte inhaltlich verbunden sind, ist das Thema Homosexualität, welches auch in der Biographie des Autors nachweislich eine Rolle spielte. Die literarische Verarbeitung dieses Themas mag dazu beigetragen haben, dass die Texte so lang unter Verschluss gehalten worden sind. Dabei handelt es sich keineswegs um explizit sexuelle Inhalte, wie der Herausgeber betont:

Denn diese Erzählungen beinhalten nichts Schlüpfriges, nichts, was Voyeurismus provozieren könnte. Sie vertiefen […] auf höchst variantenreiche Weise das seelische und moralische Problem der Homosexualität.Einführung von Luc Fraisse (Professor an der Universität Straßburg)

In der titelgebenden Erzählung „Der geheimnisvolle Briefschreiber“, die auch die umfangreichste der Sammlung ist, geht es um eine Frau namens Françoise, die anonyme Liebesbriefe erhält. Schnell wird klar, dass diese von ihrer Vertrauten Christiane stammen müssen. Der kurze Text „Erinnerung eines Hauptmanns“ beinhaltet eine Begegnung zweier Männer, die beim Ich-Erzähler Emotionen auslöst, die über freundschaftliche Regungen hinausgehen.

Die Originalität der Erzählung liegt darin, dass sie in Ich-Form eine Person in Szene setzt, die eine homosexuelle Erregung empfindet, ohne sie überhaupt als solche zu erkennen, zumindest nicht bewusst […]. Luc Fraisse (Hrsg.) über „Erinnerung eines Hauptmanns“

Die kurzen Erzählungen und Fragmente werden fast überdeckt von unzähligen Fußnoten, editorischen Notizen und Begleittexten. Leider sind die Anmerkungen für Proust-Laien oft rätselhaft und beim Verständnis der Texte selten hilfreich. Anspruchsvolle Leserinnen und Leser auf der Suche nach Herausforderungen könnten hier fündig werden. Das Eintauchen in Prousts ausufernde Schilderungen und kunstvolle Formulierungen gelingt passagenweise, besonders bei den umfangreicheren Erzählungen, wenn man die Fußnoten und Notizen bei der ersten Lektüre auch mal außer Acht lässt. Die Erzählungen beinhalten tiefsinnige Gedankengänge und lyrisch-ausdrucksvolle Passagen, die auch ohne literaturwissenschaftlichen Kontext amüsant sind:

Die Liebe, sage ich, ist eine Krankheit. Aber die zerebrale Erregung, der Wahnsinn, ist es auch. Dennoch besteht kein Zweifel, dass die Poesie an jenem Tag, an dem sie auf Erden erschien, das Niveau des Wahnsinns ungemein hob. Fast alle Dichter sind Verrückte. […] Sei’s drum. Immerhin eine glückselige Krankheit, göttlicher Wahnsinn, wie die Mystiker sagen. aus „In der Hölle“, S. 93

Allein für solche Passagen – auch wenn man sie erst herausfiltern muss – lohnt es sich, dieses Buch in die Hand zu nehmen.

Zur Ausgabe

Die Ausgabe des Suhrkamp Verlags beeindruckt durch ihr aufwendig gestaltetes Äußeres: Das schmale Hardcover schmücken violette, metallisch-schimmernde Jugendstil-Ornamente und das Buch steckt in einem olivgrünen Schuber. Diese extravagante Gestaltung steht im Widerspruch zum großen Anteil der wissenschaftlichen, oft trockenen Texte, die eher für einen exklusiven Kreis von Proust-Fans bestimmt scheinen und Leserinnen und Leser, die nicht so tief in der Materie stecken, leicht abschrecken können. Trotz allem handelt es sich um ein besonderes Buch, nicht nur der Optik wegen, sondern auch auf Grund der Hintergrundarbeit, die sein Erscheinen erst ermöglicht hat.

Besonders literaturwissenschaftlich Interessierte werden ihre helle Freude haben an dem Reichtum zusammengetragener Fußnoten, Notizen und den Versuchen, alle literarischen Anspielungen zu kontextualisieren. Die Übersetzung aus dem Französischen von Bernd Schwibs ermöglicht einen angenehmen Lesefluss und fühlt sich stimmig an. Alle, die bisher noch nichts von Proust gelesen haben und denen auch nach Kauf dieser Ausgabe der Einstieg nicht gelingt, können sich zumindest ein wirklich schönes Buch ins Regal stellen.

Produktvideo links: Redakteurin Sarah schaut ins Buch.

  • Autor: Marcel Proust
  • Titel: Der geheimnisvolle Briefschreiber: Frühe Erzählungen.
  • Originaltitel: Le Mystérieux Correspondant 
  • Übersetzer: Bernd Schwibs
  • Verlag: Suhrkamp Verlag
  • Erschienen: 20. Juni 2021
  • Einband: Hardcover mit Schuber
  • Seiten: 174
  • ISBN: 978-3-518-42972-3
  • Sonstige Informationen:
    Herausgegeben von Luc Fraisse. Gefolgt von An den Quellen von “Auf der Suche nach der verlorenen Zeit” von Luc Fraisse. Transkription der Texte, mit Anmerkungen und Einleitung versehen von Luc Fraisse. 
  • Produktseite
  • Erwerbsmöglichkeiten


Wertung: 11/15 dpt


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