Unfälle weltweit, ein Mädchen verschwindet und eine unerträgliche Schwüle erschwert das Denken

Kommissar Friedo Behütuns droht der aktuelle Fall über den Kopf zu wachsen. Bei Herrieden ist ein junges Mädchen verschwunden, was an zwei alte Fälle erinnert. Vor einem Jahr wurde bei Stübig ein Mädchen ermordet, 2008 die dreizehnjährige Sabine in Leutenbach. Der Fall Sabine gilt als abgeschlossen, denn Toni, aus dem gleichen Ort stammend und dort als Dorftrottel nicht unbekannt, wurde der Tat überführt. Doch Behütuns dünkt, dass hier wichtige Hinweise nicht bewertet wurden, man den einfachsten Weg suchte und in dem geistig zurückgebliebenen Jungen eine schnelle Fallklärung fand. Ob die drei Fälle zusammenhängen, da die Geschehnisse immer in Zeiten stattfanden, in denen eine enorme Schwüle herrschte? Man weiß es nicht, aber jetzt gibt es halt den neuen Vermisstenfall, wobei ihm sein Chef ausdrücklich untersagt hat zu ermitteln. Mangels Zuständigkeit.
„Man kann das auch so sehen: Die Rationalität hat erst das Irrationale erfunden – und dann gleichzeitig auch als Argument für sich benutzt und als Waffe gegen alles andere. Als Trennlinie zwischen Unsinn und Sinn – und den Sinn hat sie natürlich für sich beansprucht, ganz allein. Erst die Behauptung, etwas sei rational – und damit besser –, macht die Behauptung, etwas sei irrational, möglich. Und dabei hat die Rationalität in ihrer Geschichte so viel Blödsinn verzapft …“
Frau Bierlein, eine unauffällige Erscheinung, beschäftigt Behütuns und seine drei Kollegen namens Peter (Abend, Dick und Jaczek) mit einer verwirrenden Aussage. Sie hat einen Zettel gefunden, auf dem fünfzehn Namen notiert sind. Sieben der genannten Personen sind tot, starben bei Unfällen weltweit, einige in Deutschland. Die Ermittlungen sind alle abgeschlossen, Fremdverschulden konnte in keinem Fall nachgewiesen werden. Gleichwohl behauptet Frau Bierlein, dass es sich jeweils um Mord handelte. Die Geschichte scheint an den Haaren herbeigezogen, doch Behütuns will Klarheit, womöglich wegen der Schwüle. In mehreren der Fälle wurden, wie sich herausstellt, kuriose Textfragmente aus dem 15. Jahrhundert gefunden, denen die jeweiligen Ermittler keine Beachtung schenkten. Behütuns und sein Team haken nach und erhalten wichtige Unterstützung von unerwarteter Seite: Julie LaFayette, Professorin aus Bordeaux und seit Behütuns letztem Fall, besser gesagt Urlaub, dessen große – nun ja – Liebe.
Fünfter Fall für Friedo Behütuns
Im März 2026 verstarb Tommie Goerz nach langer Krankheit im Alter von 71 Jahren. Bekannt wurde er als Krimiautor mit seiner zehnteiligen Friedo-Behütuns-Reihe (2010-2023). Es folgten Stand-Alone-Krimis wie „Meier“ (2021 Friedrich-Glauser-Preis) und „Frenzel“ (2022 Crime-Cologne-Award). Zuletzt erschienen seine fulminant-sprachgewaltigen literarischen Werke „Im Tal“ und „Im Schnee“.
„Sagen Sie, wissen Sie, was der für ein Auto fährt?“
„Is selbe wie der Simmers Gerchg drohm, a suahns hadder auf jedn Fall ghabbd. So an schwaddsn, an Kombi, an … waddn S‘ … an Ding … na!, an Dojoder.“
„Einkehr“ ist der fünfte Band der Behütuns-Reihe und der bislang ungewöhnlichste, was zuletzt für den Vorgänger „Auszeit“ ebenfalls galt. Die aus den ersten Bänden gewohnten, teils haarsträubenden Dialoge respektive Frotzeleien zwischen seinen Mitarbeitern, geraten ein wenig in den Hintergrund, zumal einer von ihnen endgültig die Faxen dicke hat und kündigt. Gleichwohl bietet der abstruse Fall mit den noch sonderbareren Texten, die in die Zeit der Inquisition zurückführen, zahlreiche Gelegenheiten für skurril anmutende Gespräche. Wie gewohnt gibt es derbe Breitseiten gegen die Reichen, hier düstere Gestalten aus der Finanzwelt, der die verunfallten Personen alle irgendwie zuzuordnen sind sowie gelegentlich gegen die Politik. Der Name Strauß darf nicht fehlen.
„Hat sie hingehalten, zu Prozessen gezwungen oder ihnen ihre vertraglichen Ansprüche abgesprochen, manchmal über Jahre. Versicherung halt. Denn das Prinzip einer Versicherung ist ja das der Solidargemeinschaft. Zahlst du an einen, schädigst du alle anderen. Also wird nicht gezahlt beziehungsweise alles unternommen, dass man nicht zahlen muss. Dass die Leute das nicht kapieren und immer noch für jeden Scheiß Versicherungen abschließen …“
Ebenfalls bemerkenswert sind die – nun ja – Überlegungen von Behütuns rund um das Thema „Vergessen“, dass jede philosophische Radio- oder TV-Sendung in den Schatten stellt. Wie gewohnt ziemlich schräg und anstrengender als bisher, wobei es aufgrund der zahlreichen Unfälle und Verbrechen erstaunlich kriminell hergeht. Und ja, ermittelt wird auch, aber eben auf spezielle Art. Keine Chance zum Mitraten und die Ergebnisse beziehungsweise Aufklärungen der Morde und Unfälle werden nicht jedem Leser zusagen. Selbst für Fans der Serie ein hartes Brett, aber erneut eine sprachgewaltige und unterhaltsame Lektüre.
- Autor: Tommie Goerz
- Titel: Einkehr
- Verlag: ars vivendi
- Umfang: 304 Seiten
- Einband: Taschenbuch
- Erschienen: März 2014
- ISBN: 978-3-86913-421-5
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Wertung: 9/15 dpt







