D. T. Max – Jede Liebesgeschichte ist eine Geistergeschichte – David Foster Wallace. Ein Leben. (Buch)

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D. T. Max - Jede Liebesgeschichte ist eine Geistergeschichte (Cover © Kiepenheuer & Witsch)Bangen.
(oder: Pietätlose Leichenfledderei oder Feingefühl und Respekt?)

Hat man eine Biographie vor sich auf dem Tisch liegen und ist noch gänzlich im Ungewissen, was sich zwischen ihren Buchdeckeln befinden mag,  so sieht man sich im Falle dieses 512-Seiters unmittelbar vor einer Gabelung – gerade, wenn das Leben und die Karriere eines solch außergewöhnlichen Schriftstellers wie David Foster Wallace aufbereitet wird. Denn die unergründlichen Gehirnwindungen, die ihn solch großartige Reden wie „Das hier ist Wasser“, spannende Langeweile wie „Der bleiche König“ und einen solch hochkomplexen, fußnotenreichen und neologismendurchsetzten Koloss wie „Unendlicher Spaß“ haben schreiben lassen, stellen für Außenstehende – ganz gleich, ob mit DFW bekannt oder nur lesend mit ihm Verbunden – eine riesige Herausforderung dar.

Auch ist es gerade bei nicht mehr unter uns weilenden Personen – Wallace nahm sich 2008 das Leben, möge er in Frieden ruhen – oftmals schwierig, auf dem Grat zwischen pietätloser Leichenfledderei und Feingefühl sowie Respekt nicht in den Abgrund des Erstgenannten zu stürzen. Ähnlich wie Arndt Stroscher von AstroLibrium hatte auch der Verfasser jener Zeilen, die ihr nun hier lest, schlimmste Befürchtungen – denn als Biograph kann man unglaublich viel zerstören, verfälschen und um der Sensation willen verzerren.

Aufatmen.

Doch D. T. Max, Essayist und Journalist bei The New Yorker, meistert diese selbstauferlegte Aufgabe souverän und präsentiert mit „Jede Liebesgeschichte ist eine Geistergeschicht – David Foster Wallace. Ein Leben.“ eine nahezu linear aufgebaute, mit viel Wärme geschriebene, sich flüssig wie ein Roman lesbare Lebensgeschichte, bei der man regelrecht spürt, wie sehr Max sich bemüht hat, sich in den Menschen Wallace hineinzuversetzen. Oder wie es Jochen Kienbaum von lustauflesen.de auf den Punkt bringt: »Max’ Biografie ist empathisch und mit romanhaften Zügen versehen, sie erzählt, überwiegend streng chronologisch, …«

…die Geschichte von seiner Kindheit bis hin zu seinem Tod. Hierbei zieht D. T. Max sämtliche ihm bereitstehenden Informationen heran und verknüpft diese nahezu virtuos mit Zitaten aus den Wallace-Werken. Hierbei fällt auf, dass in zahlreichen seiner Veröffentlichungen autobiographische Züge vorzufinden sind. Oder die man zumindest ohne große Phantasieanflüge hineininterpretieren kann – angefangen vom Tennisspieler Hal in „Unendlicher Spaß“ über den Protagonisten des Frühwerkes „Der Planet Trillaphon im Verhältnis zur üblen Sache“ bis hin zur Figur in „Der bleiche König“ .

Begleiten.

Man erfährt unfassbar viel über den Sonderling David, wohnt seiner Wunderkind- und Geniewerdung bei, bekommt gar seine Dichtkunst im Knirpsalter präsentiert. Man wird „Zeuge“ der Entwicklungen gen, während und post Pubertät, bekommt einen Einblick in seine seelische Entwicklung und „sieht“ die damit einhergehenden Verhaltensweisen nahezu plastisch. Man liest viel über den Nerd Wallace. Über seine Erbsenzählereien und seine Eigenarten. Über den manchmal übermenschlichen, aber überaus menschlichen Menschen Wallace.

Im weiteren Verlauf begleitet der Leser – von D. T. Max geführt – David Foster Wallace während der Jahre des Studiums. Einen großen Teil der Biographie nimmt – logischerweise! – auch seine literarische Laufbahn ein. Seine ersten Schreibversuche, seine ersten Publikationen, seine Essays und philosophischen Ergüsse, sein Weg zum echten Autor, seine belletristischen Pfade – nahezu akribisch und vehement Details auszulassen vermeidend weiß Max eine liebevoll gestaltete, statisch perfekte Brücke zwischen Leser und Verstorbenem zu bauen. Auch bekommt man zeitübergreifend Einblicke in das Familienleben, in das Privatleben und sein gesundheitliches Leben geboten. Zudem wird man retrospektiver Beobachter hinsichtlich der Depressionen des Autors, die ihn immer wieder ereilten und die ihn letztendlich, als er einmal mehr versuchte, der Medikamente abtrünnig zu werden, in den selbst gewählten Tod trieben.

Baden.

Schon nach wenigen Seiten der Lektüre merkt man, dass man mitten in ein – pardon, das Phrasenschwein hat Hunger! – Wechselbad der Gefühle geschubst wurde. Denn es gibt sowohl zahlreiche Passagen, in denen einem die Luft aus den Lungen gesogen wird und man das Buch erst einmal zuklappen muss, als auch solche, bei welchen das Gesicht des Lesers vor lauter Erbauung und der protagonistenseits reichlich vorhandenen Schrulligkeit von einem Schmunzeln erfüllt wird. All das kommt inklusive sämtlicher emotionaler Zwischentöne.

Spannend ist: Diese Biographie eignet sich einerseits bestens als Ergänzung zur Wallace-Bibliographie, andererseits ist „Jede Liebesgeschichte ist eine Geistergeschichte“ auch der perfekte Einstieg in das Wallace-Lesen – denn das Werk, mit dem sich D. T. Max ein Denkmal gesetzt hat, macht neugierig auf das noch Ungelesene, und man gewinnt durch die sonderbare Perspektive, die dieses Buch offenbart, möglicherweise einen ganz anderen Zugang zu all dem, was in der wallaceschen Lese-Timeline noch in der Zukunft datiert liegt.

Update für das Gehirn.

Nicht nur die Literatur aus David Foster Wallaces Feder, sondern auch die Literatur über ihn – wenn sie eine solche Qualität wie bei vorliegendem Buch aufweist -, ist auf eine gewisse Art und Weise lebensbereichernd – „Jede Liebesgeschichte ist eine Geistergeschichte“ birgt trotz aller rabenschwarzer Lebensphasen und dem traurigen Ende, das Teile der Literaturwelt in Schockstarre und tiefe Trauer versetzte, so viele kleine wertvolle Extras in Form grandioser Gedankengänge – sowohl die aus Max‘ als auch aus Wallaces Kopf – in sich, dass man sich als halbwegs empathischer und halbwegs offener Mensch unglaublich inspiriert von der letzten Seite des Buches verabschiedet und man dadurch ein bisschen mehr man selbst ist. Mit mehr Wissen, mit im Gehirn unerwartet geöffneten Geheimgängen und Korridoren, in denen man sich zuweilen gern verliert und verläuft.

Rezensionen auf booknerds.de zu Werken von David Foster Wallace:

 

Infos zum Buch:

  • Autor: D. T. Max
  • Titel: Jede Liebesgeschichte ist eine Geistergeschichte – David Foster Wallace. Ein Leben.
  • Originaltitel: Every Love Story Is A Ghost Story: A Life Of David Foster Wallace
  • Übersetzer: Eva Kemper
  • Verlag: Kiepenheuer & Witsch
  • Erschienen: 06.11.2014
  • Einband: Gebunden mit Schutzumschlag
  • Seiten: 512
  • ISBN: 978-3-462-04671-7
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite
    Erwerbsmöglichkeiten

Wertung: 15/15 dpt

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Über den Autor

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Chris‘ Nerd-Schreibtisch

Gebürtiger Mannheimer. Jahrgang 1974. Seine Frau hält es seit 2001 mit ihm aus. Besessen von Büchern, Serien, Hörbüchern, Computerkram, Kaffee und Königsberger Klopsen. Meidet belanglosen Smalltalk und schätzt tiefgründige Gespräche. Nachteule. Freundlicher Teilzeitselektivmisanthrop.

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von Chris Popp Artikel-Lesezeit: ca. 4 min
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