Lange Wartezeiten, mieses Wetter, der Griff in die Grabbelkiste und die Bäckereikettenmafiafiliale mit dem scheußlichen, aber notwendigen Kaffee – Wolfgang Herrndorfs Werke und ich.

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Wolfgang Herrndorf - Pressefoto © Mathias Mainholz

© Mathias Mainholz

Eigentlich täte es nicht Not, nach den zahlreichen wunderbaren Nachrufen auf Wolfgang Herrndorf, der am Abend des 26. August 2013 mit 48 Jahren seinem Leben ein Ende setzte, bevor es sein Glioblastom weiter schleichend getan hätte, selbst noch einen eigenen zu verfassen – doch wenn man persönlich jedes seiner vier Bücher gelesen hat, sie zu einem Teil des Lebens geworden sind und auch den literarischen Geschmack maßgeblich geprägt haben, ist es nicht einfach, die Finger still zu halten.

Demnach ist dieser Artikel beileibe keine postmortale Deifikation eines Schriftstellers, der nun, wo er nicht mehr lebt, in den Olymp der Literaten gehievt werden soll, sondern eine Art persönlicher Rückblick auf die eigenen Erfahrungen mit Herrndorfs Literatur und deren Wirkung auf mich – und ebenso ist es eine retrospektiv gefärbte Bestandsaufnahme hinsichtlich des persönlichen Umgangs mit seinem Blog „Arbeit und Struktur“, der eigentlich nicht für die Öffentlichkeit gedacht war und dennoch öffentlich belassen blieb. Ein Blog, das einen schonungslosen Einblick in die Gedanken- und Gefühlswelt des Autors gewährt, mit all den kleinen Hoffnungsschimmern und den immer dicker werdenden Wolken, die sich vor den Silberstreif schoben. Ein Blog, das fernab von Selbstdarstellung geführt wurde und nie als eine Bedienung der voyeuristischen Ader jener Schicksalsjunkies gedacht war, die sich mit Mitleid und »Ach, wie schlimm!«-Ausrufen profilieren und sich drei faulige Atemzüge lang als bessere Menschen fühlen, bloß um mit den Gedanken innerhalb weniger Sekunden wieder davonzuspringen, die Chipstüte aus der Schublade zu holen und den Bierbestand im Kühlschrank zu überprüfen, weil um 20:15 Uhr die Lieblingssendung im Fernsehen ausgestrahlt wird.

Das Wort „Bedeutung“ ist ein weiträumiger Begriff. „Bedeutender Schriftsteller“. Was ist das überhaupt? Ist ein bedeutender Schriftsteller jemand, der später einmal bei allen sich bietenden Möglichkeiten zitiert werden wird? Ist ein bedeutender Schriftsteller jemand, der irgendwann, womöglich besonders nach seinem Tod, wie es heuer gerne wie eine Art Gesellschaftsreflex zur Normalität verkommt, zu einem unfreiwilligen Lieferanten literarischer Pflichtwerke wird? Oder ist die Bedeutung des Bedeutendseins eher etwas, was sich auf persönlicher Ebene abspielt? Im Falle Herrndorf, in meinem Falle: Ja.

Das Warten auf den Bus…

Begonnen hatte alles aus Langeweile. Lange Wartezeiten auf den nächsten Bus. November. Nur ein paar lausige Euro in der Tasche, die eigentlich dafür gedacht waren, eventuell aufkommende Hungergefühle einzudämmen. Ein beschissener Tag. Ein Tag, an dem man lieber rückwärts essen möchte als Nahrung zu sich zu nehmen. Ein Tag schlechter Nachrichten und Missgeschicke. Ziellos und genervt taperte ich Ende des letzten Jahrzehnts durch eine wohnortnahe Kleinstadt und fand mich nach gänzlich sinnfreiem Umhertigern in der Elektronikabteilung einer namhaften Handelskette an einer Büchergrabbelkiste wieder, in welcher für dreifuffzich Mängelexemplare feilgeboten wurden. Immer wieder durchgeblättert, von vorn nach hinten, von hinten nach vorn, fand sich nichts. Absolut nichts. Nur Mist in der Kiste. Zwar hat man mir „In Plüschgewittern“ von Herrndorf in der recht nahegelegenen Buchhandlung vor einer Weile einmal empfohlen, aber die Verkäuferin meinte nur „Ein Berlin-Roman für Männer“. Klang uninteressant. Blöde Kuh. Wieder so jemand, der mit irgendwelcher Genderscheiße daher kam. Berlin-Roman für Männer. Aber sonst geht’s noch… Ausgestreckter Mittelfinger für blöde Buchhändlerin. Ist jetzt auch der neueste Schrei. Habe es aber bei der geballten Faust in der Jackentasche belassen.

Da ich meinen MP3-Player zu Hause liegen gelassen hatte und mir irgendwie nach medialer Berieselung dürstete, dachte ich mir: Komm, scheiß auf das labbrige Brötchen, das sein Geld sowieso nicht wert wäre. Der Magen knurrte, doch das Gehirn brauchte jetzt Futter, und sei es auch nur Junkfood. Und so schob ich der gelangweilten Kassiererin „In Plüschgewittern“ über den Tresen. Schlimmer als ein trashiger Sat.1-Film kann es nicht werden. Bezahlt, einen überteuerten Coffee to go bei der nächstgelegenen Bäckereikettenmafiafiliale geholt und noch die letzten fünfzig Minuten bei fiesen nasskalten 4°C auf einer Parkbank verbracht, weil in der Bäckereikettenmafiafiliale Personenstau herrschte und offenbar jeder der sich dort befindlichen Kunden unter einer extremen Hörschwäche litt, was die Dialoglautstärke betraf. Lieber in der beschissenen Kälte mit einem beschissen schmeckenden Kaffee auf einer beschissenen Parkbank einen beschissen schlechten Roman lesen als diesen Leuten mit dem nackten Hintern ins Gesicht zu springen, die in der Bäckereikettenmafiafiliale ihre verbalen Belanglosigkeiten in Flugzeugturbinenlautstärke dem fünfzig Zentimeter benachbart sitzenden Hochaltersgenossen austauschen zu müssen meinten.

Die Finger schmerzten ob des meteorologischen Unzustands, die Zunge schmerzte aus Solidarität mit, weil der Körper nach Koffein schrie und die Gier nach Koffein über die Vernunft siegte. Und so begab sich der vom situationsbedingten Hirnfick wundgevögelt schmerzende Kopf zuerst auf bizarre Umwege. Das Debüt Herrndorfs aufgeschlagen und voreingenommen eingestuft als Schund, über den man sich zumindest nach Lektüre herrlich frustriert echauffieren könnte, saß ich nun da, die Neuronen tanzten weiterhin Polka. Der Kaffee machte zwar ein wenig wacher, doch ebenso war er ein Genervtheitsmultiplikator und ich war dem Schreien nahe. Die ersten Seiten waren zu sehen, doch da fanden sich nur Buchstaben, die keinen Sinn ergaben. Der Blick fing das Buch ein und schaute durch es hindurch. Der Kopf war ein Rangierbahnhof der Irrelevanz und Seelenkotze. Jeder war schuld daran. Schuld an dem, was mir die Laune verhagelte. Es war Zeit, die Augen zu schließen, durchzuatmen, den Restkaffee ein paar Meter weiter entfernt auf den nassgeregneten Boden zu kippen und das Buch wieder zurückzubringen. Doch vor dem Laden die Kehrtwendung. Irgendwie machte sich ein Gefühl in mir breit, kurz vor einer Überreaktion zu stehen. Noch etwas die negativen Gefühle aus mir herauslaufen, das ergab nun deutlich mehr Sinn. Beim Vorbeigehen an der vorhin besuchten Bäckereikettenmafiafiliale stellte ich fest, dass die schreienden Zeitgenossen von vorhin verschwunden waren und sich offenbar woanders wichtig taten. Es war still, die Kröten reichten für noch einen Coffe for here und ich saß nur wenige Minuten später auf einer der spärlichen Sitzgelegenheiten. Im Warmen. Mit Kaffee. Mit Buch. Mit genügend Wärme um mich herum. Und mit einer von einem meiner Vorgänger liegen gelassenen Zeitung, die bereits mit den Schlagzeilen für säuerlichen Geschmack im Mund sorgte.

Schlimmer als das Buch kann nur die Zeitung sein, also holte ich „In Plüschgewittern“ aus dem Rucksack. Ruhe. Lesen. Egal, was. Egal, wie schlecht. Der Kaffee wird das Einschlafen schon verhindern. Und eine unterhaltsame Story der Marke „liebenswerter Loser“ kann so übel ja auch nicht sein. Der Kaffee wurde kalt. Denn von Seite zu Seite entwickelte jenes Buch entgegen aller Erwartungen einen Sog, dem sich zu entziehen zunehmend unmöglicher wurde. Sämtliche frustbedingte Ich-Zentriertheit („Alle Welt gegen mich…“) war beiseite gefegt worden. Schnell war ich von der Zweigleisigkeit dieses Buches gefangen. Einerseits gab es da durchaus die ein oder andere peinliche, absurde und skurrile Situation, andererseits schwang in „In Plüschgewittern“ eine packend tragische Note mit, die aufgrund des Weglassens pseudodramatischer Elemente nie pathetische Züge annahm. Der mit einigen Macken gesegnete Sonderling, der Protagonist des Buches ist, wurde im Kopf immer mehr zu einem ganz normalen Menschen, obwohl er so ist, wie er ist. Oder gerade weil.

Nichts erwartet und alles bekommen…

Die Ehrlichkeit und Nüchternheit der Worte, die gänzlich fett- und ballaststofffreie Art des Schreibens Herrndorfs, sie verblüffte mich. Und auch die Fähigkeit, mit dem nicht Gesagten derart viel zu sagen, dass im Kopf ein zweites Buch entsteht, habe ich in diesem Maße noch nie erlebt. Das Denken um mehrere Ecken und das blanke Bild im Kopf, Komplexität und Einfachheit miteinander vereint. Das war neu. Und es war faszinierend.

Die Neugier an weiteren Werken dieses Autors war entfacht, „Tschick“ war noch Zukunftsmusik, und seinerzeit gab es lediglich noch den Kurzgeschichtenband „Diesseits des Van-Allen-Gürtels“ – der gänzlich anders war als sein Debüt. War das wirklich der gleiche Autor? Ich war enorm beeindruckt ob der eigenartigen, ja fast kauzigen Schreibweise, die durch ihre Detailverliebtheit und ihre Andersartigkeit derart interessant war, dass es undenkbar war, das Buch beiseite zu legen. Auf eine schizophrene Art dokumentierte das Werk, wie bunt diese Welt sein und wie einsam und verloren man in ihr sein kann. Ganz gleichgültig, ob man sozial isoliert ist oder nicht. Ganz egal, ob man viele Freunde und schätzenswerte Angehörige hat oder auf sich allein gestellt ist. So wichtig diese Kontakte sind, so nichtig können sie sein oder werden. Wichtig und nichtig, manchmal nur durch einen einzigen Buchstaben zu unterscheiden.

„Diesseits des Van-Allen-Gürtels“ übte ein positiv beklemmendes Gefühl aus, eine Art Nervenkitzel beim Tanz auf einem hoch gelegenen, schmalen Grat, dessen Abgrund auf der einen Seite die Hoffnung, auf der anderen Seite der Nihilismus darstellt, stets ungewiss, wohin man fallen wird, sodenn man abrutscht. Diese Dualität zieht sich durch das gesamte Buch – da erscheinen einzelne Dinge in diesen fünf ineinander verzahnten Kurzgeschichten völlig sinnlos, nichtssagend und beinahe inhaltsleer, und erst später wird der Sinn des Ganzen ersichtlich. Illusionen werden aufgebaut und zerschmettert. Gedanken werden bis zur völligen Erschöpfung gedacht. Die einzelnen Protagonisten wandeln von einem merkwürdigen Ereignis in das nächste, tapern ziellos umher, mit einem klaren Ziel vor Augen. Das Unwichtige gewinnt Bedeutung, und das Bedeutungsvolle findet sich in Nanorelevanz wieder. Nach der Lektüre fand ich mich innerlich gegen den Strich gebürstet, das Innere des Schädels kribbelte, so, als hätte man es mit feinem Schmirgelpapier bearbeitet. Selten hat ein Buch mit so einfacher, nüchterner und klarer Sprache im gedanklichen Nachhall so viel Mehr produziert, ein Mehr, das berauschend wirkte. Ein ähnliches oder ähnlich wirkendes Buch kam mir bis heute nicht mehr vor die Augen.

Mehr als alles und das geistige Band

Und dann kam der heute schon als moderner Klassiker geltende Roman „Tschick„, dieses roadmovie-eske Jugendbuch über den Schüler Maik aus der 8c, Sohn einer Alkoholikerin, die mal wieder auf Entzugskur ist sowie eines Vaters, der mit seiner Assistentin vorgeblich auf Geschäftsreise geht. Sein Vater lässt ihn mit etwas Verpflegungsgeld alleine zurück, und Maik fühlt sich als der größte Loser und Langweiler überhaupt. Kein Wunder, dass seine Mitschülerin Tatjana nichts von ihm wissen möchte. Eines Tages kommt der schweigsame, introvertierte, im ortsnahen Asozialenviertel wohnende Andrej Tschichatschow, stets in billigsten Klamotten und bereits in der Früh betrunken, in seine Klasse. Vorerst verbindet die beiden nichts, bis der Neue, der bald nur noch Tschick genannt werden soll, unverhofft vor der Garage von Maiks Elternhaus steht. Mit einem geknackten Lada Niva. Tschick möchte mit ihm einfach los fahren. Schauen, was passiert. Maik zögert, doch dann lässt er sich von dem wie ausgewechselt erscheinenden seltsamen Kerl mitreißen. Die Fahrt beginnt, und die beiden Jungs erleben Überraschungen, gewinnen Erkenntnisse und begegnen auch sich selbst und einander ganz neu.

Wieder hat Herrndorf mich mit meinen Erwartungen ins Leere laufen lassen. Erneut hat er etwas komplett anderes erschaffen. Und dabei ging Herrndorf mit einer atemberaubenden Empathie zu Werke, denn ihm gelang es, ohne die geringste Aufgesetztheit das Jugendleben einzufangen und mitzufühlen, und dabei habe ich mich als Leser stets so gefühlt, als sei ich der stille Beobachter gewesen, der mit ihm im Klassenzimmer saß, vor der Garage mit Maik abhing – und auf dem Rücksitz des Ladas unsichtbarer Fahrgast war. Die Eindrücke, die wieder einmal klare Sprache, diese besondere Form positiver Tragik und trauriger Komik, sie haben mir die Luft aus der Lunge gepresst, sodass ich am Ende anhand der subtilen Dramatik des Ganzen, die nur durch die angekratzte Oberfläche scheint, buchstäblich geplättet war.

Zwischen mir und seinen Büchern entwickelte sich ein dickes, starkes geistiges Band. Der Autor hat mir mit seinem Geschriebenen in meinem Kopf Korridore aufgezeigt, die ich selbst niemals gefunden hätte. Durch die ich fortan wandelte. In all seinen Werken schimmerte bislang eine entwaffnende Ehrlichkeit durch, die die positiven und negativen Aspekte aus gänzlich anderen Blickwinkeln beleuchtete und mein Hinterfragen vieler essentieller Dinge intensiv befeuerte. Und wenngleich all seine bis damals drei Bücher eher eine Tendenz zu den etwas dunkleren, teilweise fast schon destruktiven Elementen hatten, so besaßen sie für mich nie eine deprimierende, sondern eine kathartische Wirkung. Und eine lebensbereichernde.

Schockstarre…

Entsprechend schockstarr las ich kurze Zeit später im Internet die Nachricht, dass im Gehirn eines der meines Erachtens größten Hoffnungsliteraten der deutschen modernen Literatur ein Glioblastom der zerstörerischsten Art heranwuchs, Heilungschance nur knapp über null Prozent. Fast täglich suchte ich fortan sein Blog auf und wurde zum stillen entfernten Begleiter, dem es ungeheuer wichtig war, zu wissen, wie es diesem Menschen ging. Was in ihm vorging. Manche der Dinge, die er sagte, waren zum Teil genau das, was seine Bücher ausmachte – sie atmeten das Leben in all seinen Facetten, schonungslos, ungefiltert, nie selbstmitleid klagend, nie Mitleid heischend, sondern schlichtweg Gedanken und Fragen in ihrer absoluten Direktheit. Pur und unverfälscht. Und deswegen oftmals auf eine Art und Weise ergreifend und aufwühlend, wie es mir noch nie widerfahren war.

Wenngleich Herrndorf – wie auch schon vor seiner Krankheit – die Öffentlichkeit möglichst mied und er große Skepsis gegenüber den Medien hegte , ließ er die Menschen, die sich für ihn interessierten, auf diese Weise an sich heran. Er ließ die Tür stets einen Spalt offen, und das gab mir als einem seiner zahlreichen Buch- und Blogleser das Gefühl, dass man ihm als Verehrer seiner Werke nicht gleichgültig war. Bis zum letzten Tag nicht. Auf den medialen, sensationslüsternen Präsentierteller ließ er sich allerdings nie zerren. Es hätte mich unendlich sauer gestimmt, wenn er sich für so etwas hätte verheizen lassen. Umso erfreulicher, dass ebenjenes nie geschah.

Weiter, immer weiter…

2011 erschien sein viertes Werk „Sand“. Ein Werk, das die herrndorf’sche Tradition, sich nicht zu wiederholen, fortsetzte. Zuerst fiel auf, dass das mit immensem Feingeist geschriebene Buch mit über vierhundertsiebzig Seiten das wohl mächtigste seiner Bibliographie war. Auch inhaltlich unterschied sich das blaugoldockerfarbene Buch deutlich von seinen Vorgängern, denn hier wird der Beobachter um vier Jahrzehnte zurückkatapultiert und wähnt sich anno 1972 in Nordafrika. Selbstzitat aus der eigenen Buchrezension: »Wir schreiben 1972. Nordafrika, Sahara. Eine haarblonde Amerikanerin. Ein gehirnblonder Ermittler. Ein Atomspion, dessen Hirnwindungen wohl durch Strahlungen etwas zu sehr durcheinander geraten sind. Ein Mann, der nach einem gewaltsamen Überfall sein Gedächtnis verloren hat und auf der Suche nach seiner Identität ist. Ein Kriminalfall wartet auf seine Auflösung. Hippie-Kommunen im Sandmeer. Zur gleichen Zeit herrscht in München der „Schwarze September“, Palästinenser überfallen das olympische Dorf.« Dem Leser blieb es nun überlassen, die Zusammenhänge zu finden und aus den riesigen Mengen literarischen Sands die subjektiven Goldklümpchen herauszusieben. Herrndorf wandte in diesem wirr anmutenden Roman, in diesem Labyrinth ohne vorgezeichnete Gänge, einmal mehr seine überwältigend-bildhafte und zusatzstofffreie Wortkunst an – allerdings in einer Intensität, die man so nicht erwartet hätte. Und wenngleich ich gedacht hatte, ich hätte das Wüstenepos verstanden, beschlich mich sehr bald das Gefühl, das ich einen feuchten Dreck verstanden habe. Denn der ist in der sengenden Wüstenhitze vertrocknet.

Als ich dann erfreut mitbekam, dass einer meiner favorisierten Hörbuchsprecher, nämlich Stefan Kaminski, „Sand“ lesen würde, war mir klar, dass ich das Werk nicht noch einmal wie beabsichtigt lesen würde, sondern mir es vom Meister der tausend Stimmen vortragen lasse. Das Ergebnis dieses über elfstündigen Hörerlebnisses war, dass sich „Sand“ noch einmal in einer gänzlich neuen Form offenbarte und zerebrale Türen, Tore und Pforten eröffnet wurden, durch die ich mit Kopfhörer geschlossenen Augen unangestrengt passieren konnte. Ein wenig kann man Kaminski dafür dankbar sein, dass er durch seine spezielle Kunst des Vorlesens, die Geschriebenes im Kopf plastisch werden lässt, die letzten toten Winkel des Begreifens ausgeleuchtet hat.

Die Gewissheit…

Dennoch war ich nach Lektüre und Hörgenuss auf zwei Weisen traurig. Die eine äußerte sich in Trauer aufgrund der Gewissheit, dass dieser kluge Kopf nicht mehr viel Zeit zum Leben hatte und sich mit fast hundertprozentiger Wahrscheinlichkeit schleichend auf den Tod zu bewegt. Die andere äußerte sich in einer Form egoistisch geprägter Trauer, weil „Sand“ sein wahrscheinlich letztes Buch sein könnte und vielleicht auch sein wird: Man ist hungrig nach mehr aus seiner Feder und weiß, dass bald keine Gedankennahrung mehr kommen wird. Seit bestehen des Blogs, beim täglichen notwendigen Rundgang durch das Internet – E-Mails, Nachrichten und dergleichen – wurde ein Blogbesuch zum fest eingebundenen Ritual. Bis zum 27. September, als ich auf den Zeitungswebseiten von Herrndorfs Tod erfuhr, der, wie sich etwas später durch einen Tweet von Autorin Kathrin Passig, einer seiner engsten Freundinnen, aufklärte, selbst gewählt war.

Zwar arbeitete Herrndorf bis kurz vor seinem Freitod noch an einem weiteren Roman mit dem Arbeitstitel „Isa“, doch ob, und wenn, wann er erscheinen wird, ist derzeit noch nicht klar. Schön wäre es, wenngleich mich gleichzeitig ein schlechtes Gewissen ob meiner literarischen Gier zu plagen droht, da es doch irgendwie geschmacklos erscheint, ein auf den letzten Drücker bearbeitetes Werk noch kommerziell vertrieben zu sehen. Ebenso ließ eine Zeitung verlauten, dass auch das Blog in Buchform geplant sei, wobei mir das alles arg suspekt und spekulativ erscheint und auch eine Veröffentlichung dieser Aufzeichnungen eigentlich der Leichenfledderei gleich käme. Bin ich nun ein schlechter Mensch, weil ich, wenn diese beiden Bücher je erscheinen sollten, trotz alledem auch diese besitzen möchte, weil ich auch den letzten Gedankenkrümel dieses Schriftstellers in mich aufsaugen will? Wobei: Es würde von Menschlichkeit und Güte zeugen, wenn ein großer Teil der Einnahmen aus all dem, was nach Herrndorfs Tod noch veröffentlicht werden mag, in die Finanzierung der Forschung gegen dieses Arschloch namens Krebs einfließt.

Wenngleich es für mich als aufmerksamer Blogleser klar war, dass sich sein Lebensende unaufhaltsam näherte und ich anhand vieler seiner zuletzt geschriebenen Worte bereits nicht ausgeschlossen hätte, dass er seinem endgültigen Siechtum zuvorkommen könnte, war ich dennoch schockiert, entsetzt, tieftraurig und paralysiert, dass er jetzt nicht mehr unter uns weilt. Es ist schön, dass er nun erlöst ist, aber was bleibt, ist eine Lücke, die sich nie schließen lassen wird. Herrndorf war der, der mich in Gedanken nach Berlin entführte, mich in fünf absurde Szenarien voller Nichts und Alles katapultierte, auf eine Fahrt mit zwei Jugendlichen gen Irgendwo schickte und danach in der Wüste aussetzte und mir so Erlebnisse schenkte, die einzigartig waren. Es ist bitterste Ironie, dass genau jener Mensch, der in seinen Büchern immer wieder gerne die Kostbarkeit und gleichzeitige Bedeutungslosigkeit des menschlichen Lebens Nasenspitze an Nasenspitze gegenüberstellte, unverhofft selbst mit dieser Situation konfrontiert wurde. In seiner hässlichsten Form.

Wir können nun trotz aller Bestürztheit glücklich sein, dass sein Leiden ein Ende hat. Und wir können ihm unendlich dankbar sein für das Hinterlassen einzigartiger Literatur, die einen individuellen Geist in sich trägt. Literatur, die einen selsbt geistig mehr werden lässt.

Ruhe in Frieden, Wolfgang Herrndorf.

Weiterführende Informationen und Links zu Wolfgang Herrndorf:

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  • Foto © Mathias Mainholz

 


Über den Autor

Chris Popp


Chris‘ Nerd-Schreibtisch

1974 in Mannheim geboren, in Heidelberg aufgewachsen, lebt nach 16 Jahren in der nordhessischen Provinz vor Kassel seit 2017 in Berlin. Seine Frau hält es seit 2001 mit ihm aus. Booknerd, Hörbuchnerd, Computernerd, Filmnerd, Seriennerd, Kaffeenerd, Foodnerd, Königsbergerklopsenerd. Meidet belanglosen Smalltalk und schätzt tiefgründige Gespräche. Nachteule. Freundlicher Teilzeitselektivmisanthrop.
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von Chris Popp Artikel-Lesezeit: ca. 13 min
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