Good Omens (Serie, DVD)

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Gute Zeiten für Freunde von Neil Gaiman und nun auch von Terry Pratchatt! Nach dem Erfolg von „American Gods“ gibt es endlich die langersehnte Adaption von „Good Omens“ zu bestaunen, die anno 2019 endlich die technischen Möglichkeiten und das passende Budget für eine angemessene Umsetzung findet, um den Kult-Roman der beiden Meister der Fantasy-Literatur angemessen ins HD-TV-Format zu bringen. Unter der Kooperation von BBC und Amazon ist eine kurzweilige Mini-Serie entstanden, die in der Melange von Comedy, Satire, Fantasy und Drama als ziemlich britisches Stück zum Sinn des Lebens und dem (Un-)Sinn der christlichen Religion schafft, der jedoch ein wenig Ernsthaftigkeit und Tiefe fehlt – und ein Blu-ray-Release.

In Zeiten, in denen die Nerd-Kultur den Mainstream vereinnahmt hat (oder sie für ihn vereinnahmte wurde), dürfen zwei Namen selbstredend nicht fehlen. Seit Jahrzehnten versuchen sich Filmemacher an den Werken von Neil Gaiman und Terry Pratchatt, lange mit eher mäßigem Erfolg. Zu hohe Anforderungen stellten die fantastischen Geschichten an die technischen Möglichkeiten der jeweiligen Zeit, zumindest im Rahmen der Budgets, die für Adaptionen der zwar erfolgreichen, aber lange als Nischenprodukte eingestuften Buchvorlagen veranschlagt worden waren. Doch seitdem die Comic Book-Verfilmungen von Marvel und DC den Blockbuster-Markt nicht nur überschwemmt, sondern fast vollständig übernommen haben, stehen auch für die Stoffe der Gaimans und Pratchatts dieser Welt neue Türen offen.

Neben den Kopf-aus- Blockbustern mit Milliardenumsatz finden so zumindest auch ein paar anspruchsvollere Werke den Weg auf den Streaming-Bildschirm. Nach dem Erfolg von „American Gods“ und „Lucifer“ ist die Nachfrage nach den ohnehin beliebten Geschichten aus der Feder von Neil Gaiman also nicht weiter verwunderlich. Nun darf sich aber auch sein langjähriger Partner Terry Pratchatt über eine ihm würdige Adaption freuen und mit „Good Omens“ die große Anhängerschaft des Kult-Romans gleich mit dazu. Unter der Zusammenarbeit von BBC und Amazon kann die sechsteilige Mini-Serie mit einem namhaften Cast, ordentlichen Spezialeffekten und dem passenden Soundtrack inklusive ikonischer Queen-Songs aufwarten.

Ganz im Gaiman’schen Stil fragt „Good Omens“ nach der Bedeutung von Glaube, Mythen und Religion, hier anhand der erstaunlichen Freundschaft zwischen dem Dämonen Crowley (David Tennant) und dem Engel Aziraphale (Michael Sheen). Eigentlich als Erzfeinde erschaffen, nehmen die beiden die Rivalität zwischen Gut und Böse seit ihrer Erschaffung vor etwa 6000 Jahren zu keiner Zeit vollkommen ernst. Ohne je mit ihren vorherbestimmten Rollen gänzlich zu brechen, finden sie doch immer ein Schlupfloch in der Logik der Glaubenssysteme, um sich selbst oder dem jeweils anderen aus der Patsche zu helfen.

Aber ganz aus ihrer Haut können sie gleichfalls ebenso wenig schlüpfen. Crowley führt nach eher bubenhaftem Schabernack den diabolischen Auftrag des Satans persönlich aus, den gerade geborenen Antichristen unter die Menschen zu mischen. Doch der Plan scheitert an der Ausführung der eigenen Gefolgsleute, was Crowley und Aziraphale aber erst später merken, als der losgelassene Höllenhund sich nicht den für den Antichristen gehaltenen Jungen Warlock als Herrchen aussucht, sondern den mit ihm in einer unglücklichen Dreier-Konstellation vertauschten Adam. Hatten der Engel und der Dämon noch versucht, durch Maskerade Einfluss auf die Erziehung Warlocks zu nehmen, ist Adam, ein netter, kluger Junge, nun völlig ungeschützt, was die kommenden Prophezeiungen gen Armageddon angeht.

„Good Omens“ bringt im Folgenden weitere, ganz unterschiedliche und mythisch aufgeladene Charaktere und Wesen ins Spiel und spielt augenzwinkernd mit der Ernsthaftigkeit des Christentums. Die Hexe Anathema Device (Adria Arjona) folgt den Prophezeiungen ihre Vorfahrin, die als Hexe verbrannt wurde (und den Hexenjäger samt des gesamten Mobs mit in den Tod riss). Der selbst ernannte (Michael McKean als Shadwell) wie der richtige Nachfahre des Witchhunters (Jack Whitehall als Newton Pulsifer) sind ihr auf der Spur, während die Engel (darunter Jon Hamm als Gabriel) und die Dämonen (u.a. Anna Maxwell Martin als Beelzebub) sich und ihre Armeen für den anstehenden Krieg zwischen Gut und Böse in Stellung bringen.

Im Gegensatz zu den fantastischen Bürokraten, die sich wahlweise an den göttlichen oder den satanischen Plan halten, versuchen sich Crowley und Aziraphale weiterhin durch die brenzlige Lage zu lavieren. Nach ihrem Vorbild finden auch die anderen Figuren in ihrer vorherbestimmten Feindschaft gemeinsamen Grund: Hexe und Hexenjäger finden genauso zusammen wie (gläubiger) Hexenjäger und Prostituierte. Doch selbst wenn sie gute Argumente gegen den Krieg und den Weltuntergang bringen, die organisierten Gemeinschaften aus Engeln und Dämonen wollen diese nicht verstehen, nein, sie sind gar kriegswütig und finden an fragwürdigen Logiken gefallen: „Ohne Krieg gibt es keinen Krieg“ und „Ohne Krieg gibt es keinen Gewinner“.

Die Message ist klar und – knapp 30 Jahre nach Erscheinen der Vorlage – erschreckend zeitgeistig: Autorität verneint Komplexität. Als Engel darf man nicht töten, das stimmt auch in den meisten Fällen, aber wie ist mit der Frage umzugehen, wenn sich durch einen Mord der Untergang der Welt verhindern ließe? Gaiman und Pratchatt konstruieren diese Religionskritik durch die kluge Übernahme der Annahmen aus der Bibel, den dazugehörigen Auslegungen und der Kultur, die sich im Abendland um sie herum gesponnen hat. Im Kern wird damit die Hohlheit der Konstruktion aufgedeckt, die Frage nach dem „wozu das Ganze?“ bleibt technisch unbeantwortet, wenn im Namen des Glaubens Krieg um des Krieges willen geführt wird. Vor allem, wenn dieser dann obendrein noch auf dem Rücken der Kinder ausgetragen wird – und auf einmal sind sich Christ und Antichrist als Söhne ihrer übermenschlichen Väter ganz nah und menschlich.

Religion wird in „Good Omens“ jedoch nicht als vollends zu negierendes Konstrukt auseinandergenommen, vielmehr ist die satirisch-kluge und von feinen Dialogen getragene Kritik konstruktiv gemeint. Nicht umsonst nimmt die Story die kreationistische Zeitrechnung von 6000 Jahren als Rahmen und damit den dogmatischen Ansatz der christlichen Religionslehre. Wie in „American Gods“ werden die Götter und mythischen Wesen als Hirngespinste der Menschen entlarvt, die deswegen aber nicht weniger wahrhaftig sind, nur nicht so ernst zu nehmen sind, wie es ihre Erfinder meinten. Die strikte Hörigkeit macht sie zu gefährlichen Wesen, die sich permanent ins eigene Fleisch schneiden und in ihr eigenes Verderben rennen. Doch sie sind zu entlarven, auszutricksen und vielleicht irgendwann zu überwinden, wenn sie nicht zu bitter ernst genommen werden würden.

Aziraphale erkennt selbst, dass es eine Gleichzeitigkeit von Gut und Böse geben muss, damit sich dazwischen ein Raum auftun kann, in dem Entscheidungen möglich werden. Nur der Ausgleich zwischen beiden Polen schafft eine Palette von Schattierungen, von Diversität, die in der Aushandlung zwischen Interessen das schaffen, was gemeinhin als „Frieden“ bezeichnet wird. Stattdessen wird der Glaube von Machthabern missbraucht, gar verunstaltet, um als Grundlage und Ausreden für unmenschliche Taten dienen zu können.

Gaiman und Pratchett sehen in der Religion dagegen einen guten Nährboden zur Selbstreflexion der menschlichen Spezies, die sie ja höchstselbst als ebensolche erfunden hat. Wer sich durch die Augen des (erfundenen) Anderen selbst erkennt, wird gute Taten vollbringen und selbst auf die Idee kommen, dass Freundschaft und Kooperation die wahren zentralen Werte der Menschlichkeit sind. Doch auch hier ist die christliche Religion anfällig für Missverständnisse und so werden unheilige Bünde zwischen Gut und Böse geschlossen, dem weltweiten Populismus-Netzwerk ähnlich, der auf nichts anderes als die eigene Zerstörung abzielen kann.

Nicht nur die Nazis sind damit gemeint, sondern vor allem die Amis, die auch in Großbritannien von einseitigen Interessen geführten Einfluss ausüben. Während die britische Politik durch Abwesenheit glänzt, haben sich die Amerikaner und Ansichten breit gemacht und sich in Militärbasen, hinter Technologien und Überwachung verstecken. Das alles zielt auf die Frage ab, was denn nun Gottes Plan ist, der Sinn des Lebens und darauf gibt „Good Omens“ genug Antworten, um sich nicht auf eine festlegen zu müssen. Ob es Gott gibt und wenn ja, ob er einen Plan hat, ob er auf der Erde weilt oder nicht, ob er gar eine Sie ist… Doch selbst wenn alles nur ein Spaß ist, macht der satirische Ritt durch die Geschichte, die Referenzen, die Querverweise und Zitate selbst in der Möglichkeit eines kompletten Nihilismus verdammt viel Laune – wenn man sich denn nicht von etwas oder jemanden sagen lässt, wie man zu sein und zu leben hat.

Regisseur Douglas Mackinnon (u.a. Doctor Who und Sherlock) überträgt die Steilvorlage auf den TV- und Laptopbildschirm und wird mit seiner kurzweilig-unterhaltsamen Adaption inklusive bunter visueller Ideen den hohen Fanerwartungen durchaus gerecht. Durch die Beschränkung auf das Mini-Serien-Format entgeht „Good Omens“ schon einmal dem Schicksal von „American Gods“, die in der zweiten Staffel deutlich schwächelt. Der feuchte Traum aller Nerds kommt deutlich komödiantischer daher, zuweilen leider auch etwas infantil, wo als Ausgleich eher ein wenig Ernsthaftigkeit und Gefühl gepasst hätte. Etwas mehr Konzentration hätte der Serie gutgetan, die das Nerdtum einen Ticken zu offensiv feiert.

Besonders schade ist aber, dass „Good Omens“ nur auf DVD erscheint. Amazon bewahrt sich somit das Exklusivrecht auf HD-Bilder und den einzigen Einblick in die Wirksamkeit der Spezialeffekte, die Kunden im Prime-Abo kostenlos bestaunen dürfen und dem DVD-Kaufenden verborgen bleiben. Ob dann aber nicht trotzdem eine Special Edition hätte angeboten werden können, um zumindest die Hardcore-Fans zu bedienen? Die DVD liefert aber eine umfangreiches Bonus Material aus Bildergalerien und Featurettes, die zumindest oberflächlich alle Aspekte der Produktion abdecken. Inhaltlich darf „Good Omens“ dann selbständig erschlossen werden und das macht mindestens einen Heidenspaß!

FAZIT: „Good Omens“ ist als Adaption des Kult-Romans von Neil Gaiman und Terry Pratchatt gelungen, weil das Gefühl der Vorlage einen Übertrag auf den Fernseh- und Streaming-Schirm findet. Der kluge, bunte und irrsinnig unterhaltsame Stoff nimmt die christliche Religion auf seine eigene Art auseinander, ohne gleich undifferenziert die eigentlich zentralen Werte wie Freundschaft und Diversität mit zu grillen. Insgesamt bleibt es sehr nerdig und teilweise auch kindisch, was mitunter den ernsten Kern der Miniserie etwas verstellt. Doch passender hätte die Zeit für „Good Omens“ nicht sein können, trifft der Sechsteiler doch eine populistisch aufgeladenen Zeitgeist-Nerv, dessen Hohlheit er – unterstützt von einem großartigen, diversen Cast und klugen Ideen – köstlich dekonstruiert.

Cover & Szenenbilder © polyband

  • Titel: Good Omens
  • Produktionsland und -jahr: UK 2019
  • Genre:
    Fantasy
    Comedy
    Drama
  • Erschienen: 15.11.2019
  • Label: polyband
  • Spielzeit:
    ca. 300 Minuten (6 x ca. 50 Minuten) auf 2 DVDs
  • Darsteller:
    u.a.
    Michael Sheen
    David Tennant
    Jon Hamm
    Michael McKean
    Nick Offerman
    Frances McDormand
  • Regie: Douglas Mackinnon
  • Drehbuch: Neil Gaiman
  • Kamera: Gavin Finney
  • Schnitt:
    William Oswald
    Emma Oxley
  • Musik: David Arnold
  • Extras:
    Featurettes, Deleted Scenes, Bildergalerien, Audiokommentar
  • Technische Details (DVD)
    Video:
    16:9 anamorph (2,35:1)
    Sprachen/Ton
    :
    D, GB
    Untertitel:
    D, GB
  • FSK: 12
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite

Wertung: 12/15 dpt


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Good Omens (Serie, DVD)

von Norman R Artikel-Lesezeit: ca. 7 min
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